„Auf und mehr davon“ von Lisa Keil

Der Roman „Auf und mehr davon“ von Lisa Keil vor einer roten Backsteinmauer

Es läuft echt gut für Milli. Gerade meisterte sie die Zwischenprüfung ihres Tiermedizinstudiums. Mitbewohnerin Isa ergänzt sie optimal. Und gerade ergatterte sie auch noch einen begehrten Praktikumsplatz in der Rinderklinik der Uni. Alles könnte perfekt sein.

Wenn da nicht der schnöselige französische Austauschstudent wäre. Mit dem sich Milli die Praktikanten-Wohnung teilen muss. Außerdem scheint der Leiter der Klinik ein alter Macho zu sein. Um sich zu beweisen, muss sich Millie ganz schön ins Zeug legen.

Währenddessen ist ihre Mutter in ihrem WG-Zimmer gestrandet. Dort versucht sich Cordula aus ihrer Midlifecrisis zu kämpfen. Mäandert durch das Angebot der Uni. Schnuppert ins Studentinnenleben. Lässt sich auf eine Liebelei ein. Bis ihre Neffen ihr Leben auf den Kopf stellen. Und ein grummeliger Tierpfleger ihr die Augen öffnet.

Ich werde die Clique vermissen

Da wären wir also. Spinksen ins Leben zweier weiterer Neuberger. Nachdem wir Kaya und Lasse (Bleib doch, wo ich bin) sowie Rob und Anabel (Hin und nicht weg“) glücklich vereint wissen. Diesmal widmen wir uns Kayas überorganisierter Schwester Cordula und ihrer Tochter Milli.

Immer abwechselnd berichten sie aus ihrem Leben. Wir begleiten sie vom Semesterstart bin zum Weihnachtsfest. Durch Nervenzusammenbrüche und Liebestaumelei. Treffen noch einmal alte Bekannte und wühlen in der Vergangenheit. Schließen letzte Lücken des Neuberguniversums.

Hach, ich werde die Clique schon ein wenig vermissen. Besonders, da sie nun um zwei wundervolle Männer reicher ist. Tierpfleger Paul trägt nicht nur den gleichen Namen wie mein Papa. Herzensgut und naturverbunden grummelte er sich tief in mein Herz. Genauso Sonnenschein Noe. Der als fast Bretone eh leichtes Spiel mit mir hatte.

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Unsere Naturkunde-Bibel: „Die Natur in über 5000 Fotos“ – atemberaubend faszinierend!

Interessieren sich Eure Kinder auch für alles was Fell und Feldern hat? Habt Ihr vielleicht einen kleinen Kräuterhexer zu Hause? Oder eine Fossilien-verrückte Urzeitforscherin? Dann habe ich heute ein absolutes Must-Have für Euch! Das Naturkundelexikon „„Die Natur in über 5000 Fotos“ aus dem DK-Verlag.

Das Sachbuch „Die Natur in über 5000 Fotos: Die visuelle Enzyklopädie der Pflanzen, Tiere, Mineralien, Mikroorganismen und Pilze“

Dieses Buch ist der absolute Wahnsinn! Wie beschreibt es der Verlag so schön? Ein „Naturkundemuseum in Buchform“. Und er hat recht. Auf gut 650 Seiten entdecken wir über 5.000 Fotos von Tieren und Blumen. Von Steinen, Skeletten, Pilzen, Amöben, Bakterien und noch so viel mehr. Glasklare, präzise Aufnahmen. Es wirkt, als ob wir den versteinerten Seestern in die Hand nehmen, die Stechpalmenbeeren pflücken könnten.

In sechs umfassenden Bereichen entdecken wir das Leben der Erde. Von seinen Anfängen bis zum aktuellen Geschehen. Denn dieses Lexikon startet mit ausführlichen Kapiteln zum Ursprung des Lebens, Evolution und Diversität. Wir lernen die empfindliche Atmosphäre kennen. Erfahren Wissenswertes über Plattentektonik und Klimaveränderung; unterschiedliche Lebensräume und den menschlichen Einfluss auf alles.

Ausschnitt einer Mineralienseite aus dem Naturlexikon „Die Natur in über 5000 Fotos: Die visuelle Enzyklopädie der Pflanzen, Tiere, Mineralien, Mikroorganismen und Pilze“

Vom Großen und Ganzen ins Detail

Nach diesem spannenden Einstieg geht das Nachschlagewerk ins Detail. Erst entdecken wir Mineralien, Gesteine und Fossilien. Bei den Microorganismen Archaeen und Bakterien sowie Protoctisten. Dann folgen die Pflanzen. Die wiederum unterteilt sind in Laubmoose, Lebermoose, Hornmoose und Bärlapppflanzen, Farne und Verwandte, Palmfarne, Gnikos und Gnetophyten, Nadelgehölze und Blütenpflanzen. Es folgen die Pilze mit den Kategorien: Basidienpilze, Schlauchpilze und Flechten. Und schließlich landen wir bei den Tieren. Auf Seite 248.

Ausschnitt einer Blütenpflanzenseite aus dem Naturlexikon „Die Natur in über 5000 Fotos: Die visuelle Enzyklopädie der Pflanzen, Tiere, Mineralien, Mikroorganismen und Pilze“

Grob unterteilt spalten sich die Tiere in Wirbellose und Chordatiere (Wirbeltiere). Diese zwei großen Gruppen unterteilen sich natürlich noch weiter. Gibt es bei den Wirbellosen z. B. Nesseltiere, Würmer, Spinnen, Kopffüßler und Insekten. Bei den Chordatieren dicke Kapitel zu diversen Fischarten, Amphibien, Reptilien, Vögeln und natürlich den Säugetieren.

Atemberaubende Aufnahmen beeindruckender Vielfalt

Die Rückseite des Naturlexikons „Die Natur in über 5000 Fotos: Die visuelle Enzyklopädie der Pflanzen, Tiere, Mineralien, Mikroorganismen und Pilze“

Jedem einzelnen Bereich, jeder Tiergattung und Pflanzenart ist eine detaillierte Einleitung gewidmet. Der dann Seiten voller gestochen scharfer Bilder folgen. Begleitet wird jede Abbildung von einem kleinen Text zum abgebildeten Exemplar. Zu Lebensraum, Nahrung und der ein oder anderem Anekdote. Dazu gibt es den deutschen und/oder den lateinischen Namen. Sowie Familiennamen und Größenangaben. Manchmal finden wir auch ein Symbol, das uns verrät, welches Geschlecht das abgebildete Tier hat.

Zusätzlich überraschen doppelseitige Portraits mit breitem Wissen und atemberaubenden Aufnahmen einzelner Arten. So stehen etwa der Rotfeuerfisch, das Pantherchamäleon und die Abgottschlange im Rampenlicht. Genauso wie Flughund, Totenkopfaffe, Stachelschwein, Gürteltier und Kronenkranich. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Ausschnitt einer Vogeldetailseite aus dem Naturlexikon „Die Natur in über 5000 Fotos: Die visuelle Enzyklopädie der Pflanzen, Tiere, Mineralien, Mikroorganismen und Pilze“

Meinen Jungs verschlug es die Sprache

„Die Natur in über 5000 Fotos“ ist ein absolut beeindruckendes Sammelwerk, welches uns die unglaubliche Artenvielfalt vor Augen führt. Die Vielfältigkeit unserer Erde wird in diesem Buch so viel deutlicher als es einzelne Internetseiten vermitteln könnten. Als meine Jungs den dicken Wälzer das erste Mal sahen, verschlug er ihnen tatsächlich die Sprache. Was gerade beim Vize (5) sehr selten vorkommt.

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„Faust: Eine Graphic Novel“ von Jan Krauß und Alexander Pavlenko (nach Goethes „Faust I“)

„Faust: Eine Graphic Novel“ von Jan Krauß und Alexander Pavlenko (nach Goethes "Faust I")

Wer kennt ihn nicht? Den Faust! Durch Goethes Drama mussten sich viele von uns im Deutschunterricht kämpfen. Auch ich. Wobei mir manch andere Schullektüre schwerer fiel. Die Zerrissenheit des Protagonisten war meinem Teenie-Ich bekannt. Seine Kämpfe nachvollziehbar. Immer aktuell.

So freute ich mich sehr diese Graphic Novel von Jan Krauß und Alexander Pavlenko zu entdecken. Welche die historische Tragödie frisch adaptiert. Dabei das eh zeitlose Thema in stimmungsvolle Bilder bannt. Und versucht die Verse des Bühnenstückes in alltagstaugliche Prosa zu modernisieren.

Illustrationen voll faustscher Stimmung

Pavlenkos Illustrationen fangen die faustsche Stimmung wahrlich großartig ein. Die düsteren Bilder und charaktervollen Figuren geben die Essenz des Klassikers gekonnt intensiv wieder. Optisch und haptisch ist dieses Comic-Buch ein Genuss.

Ein Ausschnitt einer Innenseite von „Faust: Eine Graphic Novel“ von Jan Krauß und Alexander Pavlenko (nach Goethes "Faust I")
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„Das Konsortium oder Die ungenaue Zeit“ von Martin Gries

Der Roman „Das Konsortium oder Die ungenaue Zeit“ von Martin Gries

Mejouffrouw Mariettas Vater brach das Dritte Gesetz. Die Uhren des Mechanikers wurden zu genau. Und jeder weiß: Die Zeit gehört dem Konsortium. Wer Zeit genau misst, ist des Todes.“ Marietta hat keine Wahl: Nachdem ihr Vater verhaftet wurde, flüchtet die junge Frau. Mit der viel zu genauen Uhr im Gepäck.

Charles Vater hält sich genauestens an die Gesetze. Als Ingenieur baut er dem Konsortium die wertvollen Leuchttürme. Die mit ihrem Licht Orientierung in die orientierungslosen Welt bringen. Nachdem sein Vater jedoch plötzlich stirbt, muss Charles die Verantwortung für seine Mutter, die kleine Schwester und den Großvater übernehmen. Mit einem Erbe und einem Versprechen im Gepäck, das gegen das zweite Gesetz verstößt: Die Sterne gehören dem Konsortium. Wer sie betrachtet, ist des Todes.“

Offen, philosophisch, aufklärerisch.

Mehr mag ich gar nicht verraten über dieses bemerkenswerte Buch. Überhaupt, es fällt mir schwer zu formulieren, was „Das Konsortium“ mit mir machte. Wie es auf mich wirkte. Es lässt sich in keine Schublade stecken. Überraschte mich mit Schreibstil und Erzählweise, Charakterentwurf und Buch-Design. Ich bin versucht, ihm den Stempel anspruchsvolle Jugendliteratur aufzudrücken. Doch nur weil die Protagonisten jung sind.

Junge Menschen, die auf ihrem Weg durch ein vorindustrielles Gaslight-Universum taumeln. Auf der Flucht. Auf der Suche. Es könnte eine Heldenreise sein. Ein Steampunk-Roman. Wilde Coming-of-Age Story und inspirierender Entwicklungsroman. Offen, philosophisch, aufklärerisch. Eine Analogie europäischen Kolonialismus und gewinnorientierter Technokratie. Sensible Comingout-Romanze. Poetisches Experiment. Literarisches Meisterwerk.

Wer will, kann tief in Atmosphäre und Welt treiben.

Rückseite des Romans „Das Konsortium oder Die ungenaue Zeit“ von Martin Gries

Nachdem mich Martin Gries‘ Kinderbuch „Käpt’n Waschbär und die Luftpiraten“ absolut begeisterte, wollte ich dringend mehr von diesem Menschen lesen. Also schenkte ich mir seinen Roman zum Weihnachtsfest 2020. Und las ihn wenig später. Dass ich ihn erst jetzt vorstelle, liegt vor allem daran, dass Rezensionsexemplare einfach Vorfahrt haben. Zusätzlich fürchtete ich, dass meine Worte nur unzureichend sein würden.

Wie soll ich beschreiben, dass ich fast ehrfurchtsvoll in der Sprache versank? Obwohl sie gewöhnungsbedürftig ist. Obwohl sie Aufmerksamkeit fordert. Und einen wachen Geist. Gerade deshalb. Dass ich staunend, Formulierungen und Ideen inhalierte. Dankbar für den frischen Wind, der durch die Seiten blies.

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„Das Vermächtnis der Vier“ von Christopher Tefert

Das Fantasy-Epos „Das Vermächtnis der Vier“ von Christopher Tefert lehnt an einer Backsteinwand. Vor dem Taschenbuch steht ein orangener Spielzeigdrache

Als Oni die ehrfurchtgebietende Stadt Windemere betritt, ahnt er nicht welch Abenteuer vor ihm liegen. Welch Gefahren. Welch lebensverändernden Begegnungen und Erkenntnisse. Er will doch nur seine Schafe verkaufen. Und seine Schwester retten.

Die wird beschuldigt Magie zu beherrschen. Was streng verboten ist. Im Namen der Götter. Deren Gesetze Priester und König scharf durchsetzen. Deren Regeln auch für Oni heilig sind. Doch muss der rechtschaffene Junge schnell einsehen, dass Recht und Gesetz nicht unbedingt die selbe Bedeutung haben. Dass die Welt viel komplizierter ist, als sie ihm in seinem beschaulichen Heimatdorf erschien. Und dass es nicht seine Schwester ist, die Magie wirken kann.

Das Abenteuer beginnt

Schon bald bringen Onis intuitiv angewandte Fähigkeiten ihn in Gefahr. Doch mit seinem guten Herzen gewinnt er genauso schnell Verbündete. Die ihn vor dem Tod bewahren. Wenn auch nicht vor dem Kerker. In dem er viele Monde ausharrt. Von allen vergessen. Bis ihn Prinzessin Trisha aus dem Loch befreit. Weil sie seine Hilfe braucht. Um einen Schwur zu erfüllen, den sie einem uralten Wesen gab.

Ja, und dann beginnt das Abenteuer eigentlich erst. Die beiden Helden bezwingen ihre Ängste. Erforschen ihre Kräfte. Treffen machtvolle Freunde und mächtige Feinde. Lernen sich zu vertrauen. Und lieben.

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„Mein Bruder“ von Jamaica Kincaid

1996 stirbt ihr jüngerer Bruder an Aids. Ihre mannigfaltigen, widerstreitenden Gefühle verarbeitet die Schriftstellerin Jamaica Kincaid in dieser autobiographischen Erzählung.

„Mein Bruder“ von Jamaica Kincaid

Dabei reist sie weit. In ihre Vergangenheit – zurück in ihre antiguanische Kindheit. Aber auch geografisch. Weil sie ihren Bruder besucht. Sich kümmert. Sich ihrer Familie stellt. Berichtet in einem Atemzug von ihrer Mutter. Ihrem Stiefvater. Ihren Brüdern. Den Widrigkeiten. All dem, was sie forttrieb. Doch losgelassen scheint sie nicht zu haben.

Ihr Bruder war drei Jahre alt, als sie als Au-pair Antigua verließ. In den USA ihr Glück suchte. Der Kontakt zu ihrer Familie bleibt fortan oberflächlich. Bricht fast ganz. Doch als sie 20 Jahre später erfährt, dass ihr Bruder im Krankenhaus liegt, bricht sie auf. Zu ihm. In ihre Vergangenheit. Zurück in ihre damals empfundene Hoffnungslosigkeit und Unverständnis. Erforscht sich. Und ihren Blick auf empfundenen Hass. Entdeckt Liebe.

„Meine Mutter liebt ihre Kinder, ich möchte sagen, auf ihre Art! Und das stimmt ganz und gar, sie liebt uns auf ihre Art. Es ist ihre Art. Es ist ihr niemals in den Sinn gekommen, das ihre Art, uns zu lieben, vielleicht nicht die allerbeste für uns sein könnte. .. Und wie hätte es ihr in den Sinn kommen können? Vielleicht ist jede Liebe egoistisch?“ (Seite 21)

Analysierend, sezierend, hypnotisch

Rückenansicht des Buches „Mein Bruder“ von Jamaica Kincaid

Kincaid setzt sich mit dem Land aus dem sie stammt auseinander. Mit den gesellschaftlichen Absurditäten. Grausamkeiten. Sie analysiert und seziert. Faszinierend ehrlich. Dabei wiederholt sie sich. Mäandert durch Zeit und Raum. Verliert sich in ihren Gedanken. Erzählt ihre Geschichte wie in Trance. Wie auf der Therapie-Couch diktiert.

Das wirkte fast hypnotisch auf mich. Voyeuristisch spähte ich durch die Gardienen in Kincaids Innerstes. Doch fiel es mit enorm schwer, mich auf ihren Singsang einzulassen. Ellenlange Schachtelsätze ermüden mich. Ständige Wiederholungen rauben mir den Nerv. Auch wenn ich die Kunst wertschätze. Mit Kindkaids Stil wurde ich nicht warm.

Sehr persönlich

Dennoch bereue ich es kein Stück, mich ihrem Werk gestellt zu haben. Es forderte mich heraus. Zeigt mir eine Ecke der Welt, die ich bisher nicht kannte. Gerne schaute ich durch die Augen dieser beeindruckenden Autorin. Die einen so scharfen Blick auf ihr Herkunftsland wirft. Aber auch auf ihre Wahlheimat.

Sowieso auf die Menschen. Egal welcher Herkunft und Hautfarbe. Ihre Worte wirken bisweilen böse. Verbittert. Bei mir siegte jedoch der Eindruck umfassender Offenheit. Ehrlichkeit. Es ist ein sehr persönliches Buch. Und damit beeindruckte es mich sehr.

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„Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange

Die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld schrieb Geschichte. Und ich wusste nichts davon. Nun füllte diese beeindruckende, biografische Graphic Novel dicke Lücken meiner Allgemeinbildung. Und das auf mitreißende Weise.

Das Comic-Buch: „Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange vor einer kaputten Mauer

Es beginnt mit einer Ohrfeige. Am Bundesparteitag der CDU im Jahre 1968. Einer Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Kiesinger. Durch welche Beate Klarsfeld schlagartig berühmt wurde. Aber natürlich beginnt es nicht wirklich mit dieser Ohrfeige.

Es beginnt, als Beate Künzel ihren Mann kennenlernt. Die Berlinerin nabelt sich als Au-pair in Paris von ihren Eltern ab. Da spricht sie an der Metro-Station ein Mann an. Ihr zukünftiger Ehemann: Der Holocaust-Überlebende Serge Klarsfeld.

Die beiden widmen ihr Leben der Aufklärung von Naziverbrechen. Sie prangern an, dass Nazis weiterhin Machtpositionen inne haben. Und spüren zahlreiche NS-Verbrecher auf. Unter anderem den „Schlächter von Lyon“ Klaus Barbie.

Welch imposantes Leben!

Rückseite der Graphic Novel: „Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ von Pascal Bresson und Sylvain Dorange

Ein biografisches Comic – das war für mich neu. Zwar liebte ich Comics seit meiner Kindheit. Doch waren es die Marvel-Mutanten um Professor X, die mein Herz in den späten 1980ern höher schlagen ließen. Später lernte ich grenzwertige Helden wie Lobo kennen. Ließ mich von Gaimans Sandman überwältigen. Aber Geschichte? Damit tat ich mich in der Schule schwer. Dass mich mal ein Comic begeistern würde, welches auf historischen Begebenheiten beruht, das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Doch die fein gescriptete Graphic Novel überzeugt auf ganzer Linie. Die Geschichte dieses bemerkenswerten Ehepaares reißt mit. Durch die berühmte Ohrfeige gelingt ein spannungsgeladener Einstieg. In schwarz-weiß Rückblenden sind wir dabei, wenn sich die Protagonisten kennenlernen. Die Ohrfeige planen. Begleiten sie fortan in durch die Jahrzehnte bei ihrer Berufung. Dabei, wie sie Verbrecher jagen und vor Gericht bringen. Erfahren soviel über Geschichte und Politik. Auf eine wirklich spannende Art und Weise. Absolut lesenswert!

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„Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Der Roman „Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Dass sein Sohn Loris nicht alt werden wird, das weiß er schon lange. Doch alles Wissen dieser Welt hilft nicht. Darauf kann sich ein Vater nicht vorbereiten. Nun, das Ende rückt näher. Loris ist 15 Jahre alt und liegt mit Duchenne-Muskeldystrophie im Endstadium im Krankenhaus. Was macht ein Vater da?

Dieser Vater gibt sein Bestes! Um seinem Sohn noch einen großen Wunsch zu erfüllen. Und um seine Ehe zu retten. Er schreibt einen Brief. An seine Frau. Denn er liebt seinen Sohn. Über alles. Und er liebt seine Frau.

„Zwei Drittel aller Ehen zerbrächen nach dem Tod des Kindes, hieß es. Ich habe große Angst vor allem, was kommt. Und dass uns das am Ende auch passiert. Warum sind wir mittlerweile so weit voneinander entfernt? Dieser Brief hier ist meine Waffe. Und jeder Satz ist eine Ladung Patronen, die ich abfeuern möchte auf diese Krankheit und diese Statistik. Dieses beschissene Omen für uns beide.“ (Seite 23)

Voller Lebensfreude dem Tod ins Auge blicken

Rückenansicht des Buches „Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Also schreibt er diesen Brief. Wenn seine Frau im Krankenhaus bei ihrem Sohn wacht. Schreibt seiner Frau von seinen Ängsten. Von seinen Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit als Paar. Als Familie. Berichtet von der Gegenwart. Von ihrem wundervollen Sohn. Der so stark ist. So weise. So voller Lebensfreude. Erzählt davon, wie er ihm noch einen letzten großen Wunsch erfüllt. Sammelt Momente. Versteckt sie im Klavier. Bis die Zeit reif ist.

Während ich hier sitze und noch einmal in dem schmalen Büchlein blättere, steigen sie unweigerlich hoch. Diese mit Gefühlen vollgesogenen Tränen. Aber das ist ok. Sie begleiteten mich schon beim Lesen. Sind alte Bekannte. Die bekunden, wie großartig ich das Gelesene fand. Wie nahe mir die Geschichte ging. Wie sehr ich diesen Vater mochte. Der so verzweifelt versucht, seinen Sohn glücklich zu machen. Diesen tollen Sohn, der das so wertschätzt. Der sein Leben so liebt. Diese Mutter, die ich so gut verstand. Die mir am Ende das Herz brach. Und heilte.

Von wahrer Liebe und großer Tapferkeit

„Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ ist ein Briefroman, der von wahrer Liebe erzählt. Der unbeschreiblichen, bedingungslosen Liebe zu seinem Kind. Und der romantischen, welche gepflegt werden will. Um die man sich kümmern muss. Sich bemühen. Beides rührte mich zutiefst. Auch ist es eine Geschichte ungeheurer Tapferkeit. Denn ich wüsste niemanden der tapferer wäre als Eltern, die ihr Kind überleben. Dabei versuchen weiter zu machen. Den Himmel zu sehen. Kraft zu finden.

Es ist ein kurzes Buch. Eine kleine Geschichte. Die mit Wucht über den Leser herfällt. Weeber schreibt unglaublich leicht über ein unfassbar schweres Thema. Begegnet dem Albtraum mit Humor und Poesie. Verharmlost dabei nichts.

Ich bin schwer beeindruckt und noch immer aufgewühlt. Obwohl ich nicht genau weiß, wem konkret ich dieses Buch empfehlen würde, empfehle ich es wild und dringend!

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„Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte

Seit er drei Jahre alt ist, lebt Martin allein am Rande des Dorfes. Seit sein Vater den Rest seiner Familie abschlachtete. Immer an seiner Seite: Ein schwarzer Hahn. Oder – wie die Dorfbewohner sagen – der Teufel. Doch die Dörfler sind im Allgemeinen nicht die Hellsten. Von daher interessiert den Jungen ihr Geschwätz nicht sonderlich.

„Gott ist überall, und Er ist unendlich. Und etwas von Seiner Unendlichkeit hat er auch in uns gesenkt. Unendlich viel Dummheit zum Beispiel. Unendlich viel Krieg.“ (Seite 15)

Als ein Maler ins Dorf kommt, um das Altarbild der Kirche zu malen, ist dem Elfjährigen schnell klar: Wenn der Maler weiter zieht, geht er mit. Denn er hat eine Aufgabe. Eine Berufung. Es ist sonnenklar. Auch der Hahn weiß von seinem Schicksal. Martin muss den Reiter finden, der Jahr um Jahr Kinder entführt.

„Martin folgt der Stimme des Hahns, die sanft und wohltönend, zugleich eindringlich und unausweichlich ist, als würde ein Gott ihm die Stimme leihen.“ (Seite 51)

Ein Lichtblick in all der Hoffnungslosigkeit

Dem Maler ist’s recht. Unbedingt will er dem schlauen, sanften Jungen helfen. Für ihn leuchtet das Kind. Es ist ein Lichtblick in all der Hoffnungslosigkeit. In all dem Elend. Martin strahlt rein durch alle Dreckschichten hindurch. Erhellt die dunkle Zeit. Blieb durch alle Grausamkeiten mild und voller Mitgefühl. Gäbe alles was er hat, um zu helfen.

„Wie soll das Kind überleben, wie soll die Moral bestehen zwischen diesen selbstgefälligen Männern und den giftigen Frauen?“ (Seite 60)

Dabei ist Martin nicht unschuldig. Nicht im herkömmlichen Sinne. Er weiß mit den Dörflern umzugehen. Genauso mit dem Abschaum, dem er auf seiner Reise begegnen wird.

„Mühsam ist das, immer wieder den gleichen Idioten zu begegnen. Als ob die Welt voll davon wäre, ganz gleich, wohin sich Martin auch wendet.“ (Seite 110)

Heldenreise durch dunkelste Zeiten

Rückentext meiner Leseausgabe des Romans „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte

Und doch bleibt sein Herz rein. Sein Verstand klar. Sein Ziel immer vor Augen.

„…und der Maler schreit das Kind an, ob es damit aufhören könnte, ein einziges Kind retten zu wollen, einer Mythe nachzujagen, wo um sie herum nichts als Tod und Elend ist. Alle gilt es zu retten, aber alle sind verloren. Doch Martin denkt anders. Ein gerettetes Leben ist alle Leben.“ (Seite 90)

So geht der Junge seine Heldenreise bis zum bitteren Ende. Watet durch Schlachtfelder und Unwetter, Durch Intrigen und den Egoismus der Menschheit. Wirkt auf jene, denen er begegnet. Weckt hier und da Gewissen. Säht dort den Samen der Aufklärung. Und fährt als Racheengel auf jene hernieder, die eitel, selbstsüchtig und monströs die Welt in Ketten legen.

„Warum muss er finden, was niemand finden will. Warum muss er wissen, dass die Menschen selbst schlimmer sind als alle Dämonen, vor denen sie sich grausen.“ (Seite 116)

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„Kaputte Herzen kann man kleben“ von Kristina Günak

"Kaputte Herzen kann man kleben" von Kristina Günak

Alleinerziehend und von der Münchner Mama-Schickeria überfordert, wächst Luisa langsam alles über den Kopf. Als Hebamme steht sie an sich schon unter Dauerstress. Zerreißt sich förmlich zwischen den Kreißsälen. Wird ihren Ansprüchen nicht gerecht. So kann das nicht weiter gehen. Denk sich auch Luisas Rücken und verweigert die Zusammenarbeit. Luisa bleibt keine Wahl, sie muss sich eine Auszeit nehmen.

Zusammen mit ihrer achtjährigen Tochter setzt sie sich in den Zug nach zu St. Peter-Ording. Zu Tante Mimi, Mit der sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen hat. Um sich zu erholen. Damit sie weiter funktionieren kann. Denn was wäre die Alternative?

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