„Stummes Echo“ von Susan Hill

Der Roman „Stummes Echo“ von Susan Hill vor einer verwitterten Holzwand

Als May jung war, standen dem gescheiten Mädchen alle Türen offen. Dennoch lebt sie noch immer auf dem Beacon. Dem heruntergewirtschafteten Hof ihrer Familie. Oben auf dem Hügel abseits der kleinen Stadt im Norden Englands. Die Tiere wurden verkauft, die Felder verpachtet. Und gerade starb Mays Mutter. Nicht unerwartet. Doch bringt ein Tod eben immer Veränderung mit. Und Gedanken. Erinnerungen.

Ach, Erinnerungen… „May erinnerte sich an ihre Kindheit auf dem Beacon in Bruchstücken, gleich Bildern in einem Album, nur dass die Bilder manchmal mit Tönen, einem bestimmten Geruch oder Geschmack begleitet waren.“ Es sind keine schlechten Erinnerungen. Auch ihre Geschwister Colin und Berenice erinnern sich an nichts Übles.

Wie kann es also sein, dass ihr Bruder Frank ganz anderes berichtet? Weshalb schildert er in seinem Buch solch Grausamkeiten? Kann es sein, dass Mays Erinnerungen sie trügen?

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„Ich wünsche mir“ von Christoph Niemann

Das Bilderbuch „Ich wünsche mir“ von Christoph Niemann vor weißem Hintergrund umgeben von drei Geschenk-Päckchen

Oh, ein Geschenk! Was verbirgt sich wohl in diesem schön verpackten, gelben Päckchen? Hach, welch Spannung! Es könnte alles drin sein…

Huch, noch ein Paket? Ein grünes? Ein rotes? Argh, was macht denn dieses Geschenkpapier? Warum gelingt das Auspacken nicht? Weshalb verwandelt es sich? Aber, ach, das ist doch eigentlich ganz lustig.

Nee! Doch eher ärgerlich! Oder spannend? Enttäuschend! Fantastisch! Verwirrend, aufwühlend, erschöpfend, grenzenlos, unfassbar!

Öffnet Türen in unseren Köpfen

Das Bilderbuch „Ich wünsche mir“ von Ausnahmetalent Christoph Niemann kommt komplett ohne Worte aus. Dennoch – oder gerade deswegen – freuen, staunen und ärgern wir uns mit der Protagonistin. Welche die unendlichen Möglichkeiten entdeckt, die ein ungeöffnetes Geschenk bietet. Ganze Welten sind darin verborgen. Vergangenheit und Zukunft. Nichts oder Alles. Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen.

Niemann spielt ganz wunderbar mit den Vorstellungen und Erwartungen des Betrachters. Treibt es weit mit uns und der kleinen Beschenkten. Und öffnet damit Türen in unseren Köpfen. Schickt unsere Fantasie auf Reisen.

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„Harry Potter und der Stein der Weisen“ – Prachtausgabe mit Goldprägung von MinaLima

So habt Ihr den Zauber von Hogwarts noch nie erlebt!

Die MinaLima-Prachtausgabe von „Harry Potter und der Stein der Weisen“

Im Herbst 2000 reiste ich mit meinem Bruder durch Irland. Mit einer dieser piefigen Bustouren. Wir drückten das Durchschnittsalter der Teilnehmenden um einige Jahre. Dennoch war es eine traumhaft schöne Reise. Die meine Liebe zu Irland befeuerte.

Auf dieser Reise entdeckte ich Harry Potter. Der vierte Band war gerade erschienen und die Buchhandlungen verscherbelten die ersten drei Bände. Bisher hatte ich den Hype ignoriert. Doch die Bücher in Englisch zu lesen, während ich durch die atemberaubende irische Landschaft kutschiert wurde, das hatte was. Danach war es um mich geschehen.

Alle weiteren Bände zogen ein, sobald sie auf Englisch erschienen. Immer noch sind Harry und Irland für mich untrennbar miteinander verwoben. So verbinden wahrscheinlich viele von Euch besondere Ereignisse und Gefühle mit J.K. Rowlings Meisterwerk.

Harry Potter als strahlender Prachtband

Die Rückseite der MinaLima-Prachtausgabe von „Harry Potter und der Stein der Weisen“

Über die Geschichte des Welterfolges muss ich also eigentlich nichts mehr schreiben, oder? Jeder kennt die Story des Waisenjungen, der von seinen unsäglichen Verwandten schikaniert wird. Bei ihnen im Schrank unter der Treppe hausen muss. Bis er zu seinem elften Geburtstag eine Einladung nach Hogwarts erhält. Der Schule für Hexerei und Zauberei.

Im ersten Band „Harry Potter und der Stein der Weisen“ beginnt Harrys Reise. Und genau von diesem ersten Band gibt es seit Kurzem eine unfassbar schöne, neue Ausgabe: Den Prachtband des Designstudios MinaLima.

MinaLima, das sind Miraphora Mina (Abschluss in Theater Design) und Eduardo Lima (Abschluss in Visueller Kommunikation). Mit ihrem Designstudio MinaLima schufen sie viele der Requisiten der Harry Potter-Verfilmungen. Auch die grafischen Elemente in der Diagon Alley aus „The Wizarding World of Harry Potter“ im Universal Orlando Resort stammen aus ihrer Feder. Mit dem magischen Universum der Potter Bücher kennen sie sich aus. So wundert es nicht, dass auch ihre Interpretation der Bücher atemberaubend ausfällt.

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„LebensWende: Die Schwestern Brüggemann bleiben am Ball“ von Julia Hoch

"Lebenswende - Die Schwestern Brüggemann bleiben am Ball" von Julia Hoch

Rund 20 Jahre waren sie nicht mehr in ihrem Lindenstübchen. Erst ein Zeitungsartikel ruft es ihnen in Erinnerung. Dabei haben Hilde und Lore ihr Leben in der kleinen Kneipe verbracht. Mehr als 60 Jahre. Wegen Hildes Sturz damals, mussten sie vorübergehend schließen. Doch wie das immer so ist: Dieses Vorübergehend dauerte etwas länger.

Aus dem Zeitungsbericht erfahren die 82-jährigen Zwillinge, dass die Stube abgerissen werden soll. Die alten Damen können es nicht glauben. Wie kann das sein? Das Lindenstübchen gehört doch ihnen! Die Jagd nach Antworten bringt frischen Wind in ihr beschauliches Leben. Weht neue und alte Bekannte zusammen. Dabei zeigt sich, was alles noch in den Schwestern Brüggemann steckt.

Noch einmal ein Aufbruch

"Lebenswende - Die Schwestern Brüggemann bleiben am Ball" von Julia Hoch

Ihr müsst wissen, dass ich eine Vorliebe für alte, kauzige Menschen habe. Für Senioren, die heute leider viel zu oft am Rand der Gesellschaft leben. Vergessen. Die in der Wohnung bleiben. In ihrem Inneren. Die Ihre Spleens pflegen, weil das Lot des Außen fehlt. Das Romandebüt von Julia Hoch traf da mit seinen betagten Protagonisten bei mir genau ins Schwarze.

Die ruppig wirkende Hilde erinnerte mich an gleich mehrere alte Damen, die mich Stücke meines Weges begleiteten. Frauen, die aus diversen Gründen dickes Fell trugen. Deren Herz aber am rechten Fleck saß. Die energisch ihre Ziele verfolgten. Auch wenn es dafür manchmal einen frischen Funken brauchte.

Auch Lore kam mir bekannt vor. Ihre Selbstvergessenheit; ihre schüchterne Offenheit. Mit ihrem kindlichen Blick und ihrem Wagemut vereint sie viele Eigenschaften, von denen ich mir wünsche, dass ich sie als alte Frau haben werde.
Zusammen sind die Brüggermanns ein einnehmendes Team. Das noch einmal einen Aufbruch wagt. Einen Ausbruch aus der Routine.

Mal geistreich, mal spitz

Die Charaktere mochte ich sehr. Die Geschichte gefiel mir gut. Was ich aber liebte, war Hochs Stil. Ihren Blick. Ihre Sätze. Sie präsentiert pointiert und komprimiert die Lebenswelt der Schwestern. Ihre Ansichten und Gefühle. Ihre individuellen Eigenheiten. Mal geistreich, mal spitz findet sie wesenszeichnende Worte. Schafft lebendige Szenen, die farbenfroh und fast greifbar zu Leben erwachen.

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„Geheimnisse der Hexen: Ihre Geschichte, ihre Magie, ihr Wissen“

„Geheimnisse der Hexen: Ihre Geschichte, ihre Magie, ihr Wissen“ von Julie Légère und Elsa Whyte, illustriert von Laura Pérez

Als Jugendliche und junge Frau war ich ganz versessen auf alles Magische. Ehrgeizig erforschte ich Wicca-Kult und Schamanismus. Keltische Kalender, die Lehren von Mystikern und überliefertes Kräuterwissen. Von Buch zu Buch hangelte ich mich. Las alles was mir in die Finder kam und machte Jagd auf antiquarische Seltenheiten. Einige hüte ich noch heute.

An diese Zeit erinnerte ich mich, als ich letztes Jahr über das Sachbuch „Geheimnisse der Hexen: Ihre Geschichte, ihre Magie, ihr Wissen“ stolperte. Beherrscht von Nostalgie zog es bei mir ein. Seitdem drücke ich mich vor einer detaillierten Besprechung. Denn so schön das Buch optisch gestaltet ist, inhaltlich konnte es mich nicht überzeugen.

Ein wilder Ritt durch die Hexengeschichte

„Liebe Schwester,
wenn du dieses Buch in Händen hältst, dann bedeutet das, du bist bereit, deine Lehrzeit anzutreten. Bestimmt hast du bereits einen Teil deiner Kräfte wahrgenommen; mit diesem Handbuch kannst du lernen, sie weiterzuentwickeln und zu beherrschen.“

aus der Einleitung: „Statt einer Einleitung“

Vor 20 Jahren hätte mich diese Ansprache extrem abgeholt. Ich spürte Kräfte in mir, die ich einsortieren wollte. Denen ich eine Schublade geben wollte. Doch schon damals hätten mich der übersichtliche Einblick in die Etymologie und die knapp abgehandelten Definitionen auf der nächsten Seite stutzen lassen. Zu oberflächlich wären mir diese Informationen gewesen.

Das Buch stellt uns einige Hexen vor: Baba Jaga, Belana, Yamauba. Reißt die Unterschiede von schwarzer und weißer Magie an. In kurzen Texten werden Hekate, Medea und Kirke vorgestellt. Wild verquirlt mit Druidenkult, Naturglauben, Alchimie und Göttergeschichten. Wir taumeln ins Mittelalter. Durch die Vormachtstellung des Christentums und die Verteuflung des überlieferten Wissens.

Die Hexen kommen zu Wort

„Geheimnisse der Hexen: Ihre Geschichte, ihre Magie, ihr Wissen“ von Julie Légère und Elsa Whyte, illustriert von Laura Pérez

Wir stolpern von Renaissance zu Romantik. Durch die großen Hexenjagden. Zur Lehre der Dämonologie. Nach einem Exkurs zum Thema Heilerinnen und Hebammen geht es nach Salem. Schlussendlich landen wir in der Gegenwart. Mit all ihren aufgeklärten Möglichkeiten. In der unser Wunsch nach Zauber, Macht und Kraft genauso stark ist, wie allemal.

Was mich heute befremdet, mich früher aber begeistert hätte: Das Buch lässt Hexen zu Wort kommen. Auf einer Seite stellt sich Jeanne de Brigue persönlich vor. Auf einer anderen Catherine Deshayes. Bevor sie zum Scheiterhaufen geführt werden. Auch Matilda Joslyn Gage und Marie Laveau berichten aus dem Nähkästchen.

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„Konfettichaos“ von Sibylle Luig

„Konfettichaos“ von Sibylle Luig

Es könnte alles so toll sein. Mit dem Skript eines alternden One-Hit-Bestseller-Autoren könnte Julias Literaturagentur endlich Fahrt aufnehmen. Leider nimmt ihr Karnevalsbekanntschaft Benedikt Opladen den Wind aus den Segeln. Denn das besagte Skript macht schon lange seine Runde durch die Verlegerwelt.

Doch der arrogante Geschäftsführer einer aufstrebenden Filmproduktionsfirma weiß Rat: Julia soll den Rohrkrepierer des schmierigen Autoren aufpeppen. Dafür darf sie sich in Opladens Ferienhaus auf Langeoog zurückziehen. Als Julia erfährt, dass vielleicht auch Benedikts schnuckeliger Cousin auf der Nordseeinsel weilen wird, schlägt sie ein.

Authentische Einblicke in den Kölner Karneval

„Konfettichaos“ von Sibylle Luig

Ach Julia, ich hätte Dich so gern ins Herz geschlossen. Doch leider warst Du mir ein wenig zu kindisch. Zu verliebt in die Liebe. Bliebst ein wenig oberflächlich. Allerdings würde ich echt gerne mit Dir um die Häuser ziehen. Hier ein Drecksack (sorry, pur mag ich helles Obergäriges leider gar nicht mehr); da ein Mühlen Malz – wir hätten bestimmt viel Spaß! Können ja nicht alle immer beste Freunde sein. Oder die große Liebe.

Wenn ich auch mit der Protagonistin von Sibylle Luigs Romanze nicht ganz warm wurde, das Setting von „Konfettichaos“ liebe ich sehr.

Die Szenen im Kölner Karneval sind absolut authentisch. Teilweise bin ich selbst schon durch die genannten Kneipen getingelt. Habe an ähnlichen Theken mit lecker Jungs angebandelt. Alles echt. Alles genau so. Allein… also… Ehepaare dürfen durchaus zusammen feiern gehen. Dabei auch mit anderen flirten. Vielleicht gar mehr. Wat em Fastelovend passet, bliev em Fastelovend. Un Aschermittwoch is eh alles vorbei! 😉

Fluffig-frisch – für unbeschwerte Lesestunden

„Konfettichaos“ von Sibylle Luig

Auf Langeoog war ich leider noch nicht. Doch schaffte es Luig, dass ich das Meer roch. Den Sand fast fühlte. Die kulinarischen Leckereien vor mir sah. Da packte mich die Insel-Sehnsucht.

Das Geplänkel zwischen Julia und Benedict ist durchaus amüsant. Der Roman in Gänze sehr fluffig und frisch. Perfekt für unbeschwerte Lesestunden zwischendurch. Aber auch als Urlaubslektüre am Strand oder Sehnsuchtsstiller für üsselige Herbsttage.

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„Das Wiehern der Seepferdchen“ von Jochen Weeber

„Das Wiehern der Seepferdchen“ von Jochen Weeber

„Manchmal ist mein Herz ein Restaurant, in dem seit Wochen keine Gäste mehr sind. Muffiges Licht, der Koch hat gekündigt und die Kellnerin tröstet den Chef hinterm Tresen….

Aus „Das Wiehern der Seepferdchen“ (Seite 5)

Heute mal ganz kurz: „Das Wiehern der Seepferdchen“ ist eine ganz wundervolle, eine herausragende Sammlung kurzer Erzählungen. Jochen Weeber ging mit dem Kescher durchs Leben. Fischte uns atmosphärische, dichte, feinsinnige Miniaturen voller Seele. Voller Poesie. Sein Fang ist lyrisch; menschlich. Es geht um das Wesentliche: die Liebe, den Tod, das Zurückbleiben, den Duft des Tages in Kinderhaaren, um Gesang.

Den magisch gesetzten Worten nachsinnen

„Das Wiehern der Seepferdchen“ von Jochen Weeber

20 dieser fein schwingenden Geschichten präsentiert uns Weber in seinem 96-seitigen Bändchen. Die Längste ist gerade mal 12 Seiten lang. Die Kürzeste passt auf eine. Doch nie sind sie zu kurz. Immer genau richtig. Nach jeder verspürte ich den Drang weiterzulesen. Meistens zwang ich mich dazu, innezuhalten. Den so magisch gesetzten Worten nachzusinnen. Dem Geschrieben Zeit zu geben, sich zu setzen. Zu mir zu setzen. Noch ein wenig zu plaudern. Denn Weebers Worte klingen nach. Sehr gerne spreche ich für dieses Kleinod eine dringende Leseempfehlung aus!

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„Unsichtbar im hellen Licht“ von Sally Gardner

„Unsichtbar im hellen Licht“ von Sally Gardner

Celeste erinnert sich einfach nicht. Warum ist sie hier? Weshalb nennen sie alle Maria? Wieso kennt sie sich im Opernhaus aus? Auch wenn sich alles seltsam verzerrt anfühlt. Anders. Nach und nach kehren Erinnerungen zurück. Tauchen vom Grund ihrer Seele an die Oberfläche auf.

Erinnerungen an ihre Zwillingsschwester. An Ihre Gouvernante. An ihr richtiges Leben. Das Leben vor dem Spiel mit dem Mann im smaragdfarbenen Anzug. Mit dem sie um die Zukunft spielt. Um die Zukunft all der Menschen, die von der Regent verschwunden sind. Als das prächtige Schiff ins neue Jahr fuhr.

Wirr, konstruiert und unentspannt

„Unsichtbar im hellen Licht“ von Sally Gardner

Ich wollte die Geschichte des Mädchens, das sich mit einer legendären Mythenfigur anlegt, unbedingt lesen. An klassischen Märchengeschichten in neuem Gewand komme ich nicht vorbei. Zudem üben Theater und Opernhäuser eine hypnotische Faszination auf mich aus. Sie allein verbreiten schon eine magische Atmosphäre. So hatte die junge Heldin aus dem Roman „Unsichtbar im hellen Licht“ leichtes Spiel, mich einzufangen. Leider konnte sie mich nicht lange halten.

Zu wirr, zu konstruiert und zu unentspannt trug mir Sally Gardner das Abenteuer ihrer Protagonistin vor. Zu hölzern und oberflächlich blieben mir die Charaktere. Gerne hätte ich mehr über die Hintergründe manch einer Nebenfigur erfahren. Doch leider wurde die Tiefe von Nebensächlichkeiten zugeschüttet. Die Menge an Charakteren blieb zu zahlreich und gesichtslos. Gleichzeitig wiederholten sich immer wieder Bilder und Überlegungen. Zogen sich zerfaserte Stränge in die Länge.

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„Broken World – Wie willst du leben?“ von Jana Voosen

„Broken World - Wie willst du leben?“ von Jana Voosen

Yma steht die Welt offen. Als eine der Besten ihres Jahrganges hat sie eine strahlende Zukunft vor sich. Mit dem Mann ihrer Träume. Obwohl sie aus der Unterschicht stammt. Durch harte Arbeit und Fleiß gelang es ihr, Stipendium um Stipendium zu ergattern. Nun darf sie bald die Früchte ihrer Mühen ernten.

Wenn da nicht ihre vermaledeiten Gefühle wären. Warum nur hat sie Mitleid mit den Schwachen? Das ist nicht normal! In ihrer Welt sind Empathie und Barmherzigkeit Fremdworte. Allein die Starken haben Erfolg. Überleben. Arme und Kranke leben in Slums. Erledigen die Drecksarbeit für die Elite. Solange sie gesund sind. Es irgendwie schaffen. Denn medizinische Versorgung oder gar Sozialleistungen gibt es nicht.

Als Ihre beste Freundin nach einer medizinischen Untersuchung verschwindet, geraten Ymas Zukunftsträume ins Wanken. Will sie wirklich in einer Welt leben, in der Menschen nur zählen, wenn sie reich und gesund sind? In der es illegal ist, anderen Menschen zu helfen? Yma schlägt einen gefährlichen Weg ein.

Furchtbar wahrscheinlich wirkende Dystopie

„Broken World - Wie willst du leben?“ von Jana Voosen

Jana Voosen schrieb mit „Broken World“ eine mitreißende, schmerzlich wahrscheinlich wirkende Dystopie. Eine düstere, beängstigende Zukunftsvision. In Anbetracht der aktuellen Pandemie, Treibhauseffekt, Naturkatastrophen, sozialer Verrohung und moralisch bedenklich handelnden Politikern aller Ortens scheint Ymas Welt nicht weit entfernt.

An wenigen Abenden verschlang ich den Pageturner. Sympathisierte mit Yma. Verstand ihre Ängste und Verwirrungen. Hielt mich mit ihr am Leben fest, dass bisher ihr Traum war. Verabschiedete mich mit ihr von diesem Traum. Zusammen verliebten wir uns in einen garstigen Weltenretter, brachen aus dem Paradies aus und liefen durch die Hölle. Sprangen ins kalte Wasser.

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„Die Stille des Meeres“ von Donal Ryan

"Die Stille des Meeres" von Donal Ryan

Der Lebende

„Der Krieg war allmählich gekommen, war um sie herum gewachsen und nicht plötzlich vor ihrer Tür ausgebrochen. Die Polizei war zur Miliz geworden. Die Stadt hatte sich mit bewaffneten Fremden gefüllt.“

Farouks Frau und Tochter verhüllen sich nicht. Farouk selbst praktiziert seinen Glauben nicht konsequent. Der Arzt und seine Familie schweben in Gefahr. Buchen Plätze für eine Reise in die Sicherheit. Auf dieser Reise verliert Farouk alles, was ihm etwas bedeutet.

Der Leidende

Lampy zerfließt in Selbstmitleid, seit ihn seine große Liebe verlassen hat. Der Anfang 20-Jährige tröstet sich mit Sex in einer oberflächlichen Beziehung. Verdient sich ein paar Euro bei Aushilfsjobs im Seniorenheim. Lebt bei seiner Mutter und seinem Großvater. Mit dem er immer wieder aneinandergerät. „Im Moment hatte er wirklich Scheiße am Schuh.“

Der Lobbyist

„Ein paar Dinge möchte ich mir von der Seele reden, bevor ich gehe. Ich spüre den Atem der Engel im Nacken.“ Und John hat sich einiges von der Seele zu reden. Viel zu beichten. Ein reiches Leben liegt hinter ihm. Ein Leben voller Egoismus.

„Ich hatte schon immer ein teuflisches Händchen dafür, Hass zu sähen… Wenn Du etwas nur oft genug behauptest, wird es durch die Wiederholung zur Wahrheit. Egal was, egal wie verrückt es klingt, jede Behauptung kann sich in einen Fakt verwandeln.“

Beeindruckend reich, berührend feinfühlig

"Die Stille des Meeres" von Donal Ryan

Donal Ryan stellt uns in seinem Episodenroman „Die Stille des Meeres“ drei Männer vor. Drei Männer, die sich in Alter, Herkunft, Erfahrung komplett unterscheiden. Und doch verknüpft das Schicksal ihre Lebenswege. Führt sie zusammen. Ruhig und unbemerkt.

Ryan entwirft spannende, zerrissene, menschliche Charaktere. Lässt seine Protagonisten leiden. Heischt nicht um Zuneigung. Seine Figuren sind fehlbar. Voller Ecken und Kanten; Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Selbst seine Nebenfiguren strahlen. Gerade seine Nebenfiguren! Durch einzelne Sätze; durch komprimierte Beschreibungen, typische Redewendungen. In wenige, ruhige Zeilen packt der Ire eine umfangreiche Welt mit zahlreiche individuellen Mikrokosmen. Beeindruckend reich, berührend feinfühlig.

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