„Die Liebe kommt auf Zehenspitzen“ von Kristina Günak

„Die Liebe kommt auf Zehenspitzen“ von Kristina Günak

Als Autorin Lucy bei ihrer gutaussehenden Mitfahrgelegenheit Ben einsteigt, will sie eigentlich nur zu ihrer Familie. Weihnachten feiern. Doch ein heftiger Schneesturm treibt sie in die warme Stube von Dorle. Einer sehr mutigen, sehr alten Dame, die am Heiligen Abend ihr Zuhause und ihre Lebensweisheit gerne mit den jungen Leuten teilt. Und nicht nur das. Wenige Wochen später vermacht sie den beiden auch noch ihren Bauernhof in der Norddeutschen Pampa.

Das ungleiche Paar wagt den Sprung ins kalte Wasser. Von der Stadt aufs Land. Aus der urbanen Einsamkeit in die Dorfgemeinschaft mit rührigen Nachbarn. Dabei steht fest: Das Zusammenleben ist rein platonisch. Muss es sein! Doch das ist – wie immer – viel leichter gesagt als getan.

Frech und nah, authentisch und fehlbar

„Die Liebe kommt auf Zehenspitzen“ von Kristina Günak

Lucy erzählt von ihrem Abenteuer als würde sie es einer Freundin erzählen. Sie erzählt, wie sehr die alte Dorle sie beeindruckte. Wie einsam sie in Hamburg war, wie nervend ihr Job als Übersetzerin sein kann und wie herausfordernd die Arbeit an ihrem ersten Roman ist. Sie schildert ihre Ängste und Hoffnungen frei von der Seele weg. Fast wie in einem Tagebuch bekommen wir mit, wie sich Lucy, ihr Leben und ihre Beziehung zu Ben entwickelt. Der Ton: Frech und nah, authentisch und fehlbar.

Ben dagegen ist schon fast zu perfekt: Gottgleich gutaussehend, hilfsbereit, aufmerksam, zugewandt und verletzlich – ein wahr gewordener Traum von einem Mann. Da er aber aus Lucys gefühlsgetrübten Augen beschrieben wird, verzeih ich diesen Perfektionismus gerne. Sehe ich meinen Liebsten bisweilen doch genauso. 😉

Leichtfüßiger Roman über die Liebe

„Die Liebe kommt auf Zehenspitzen“ von Kristina Günak

Kristina Günak schreibt wie immer charmant-locker und einnehmend. Ich mag ihren frischen, natürlichen Stil einfach gerne. So ist „Die Liebe kommt auf Zehenspitzen“ ein leichtfüßiger Roman über die Liebe – zu sich selbst, zu anderen, die Große und die Alltägliche.

Noch mehr noch ist es ein Roman über Mut und Selbstfindung. Ein Roman der anstiftet, Dinge zu wagen. Gelegenheiten zu ergreifen und auf’s Herz zu hören. Die Welt zu verändern. Wenn auch nur die Eigne. Denn dort beginnt es.

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„Mord in Sunset Hall“ von Leonie Swann

"Mord in Sunset Hall" von Mord in Leonie Swann
„Mord in Sunset Hall“

In ihrer Kindheit hieß ihr Haus noch Morning Cottage. Doch nachdem Agnes eine Senioren-WG gründete, übermalte ein Scherzbold das Namensschild mit dem klangvollen Titel: „Sunset Hall“. Und den mehr oder weniger rüstigen Rentnern gefiel der neue Name.

Ihr Sinn für Humor ist nicht das Einzige, was die betagten Bewohner von Sunset Hall auszeichnet. Auch wenn Agnes von ihrer Hüfte gequält wird, der Marschall immer öfter etwas vergisst und Edwina eh in ihrer ganz eigenen Welt lebt – die alten Herrschaften haben einiges auf dem Kasten. Die Cremehütchen verschlingende, blinde Bernadette, der würdevoll im Rollstuhl sitzende Winston, Neuzugang Charlie (die Brexit und frischen Wind ins Haus bringt) und – last but not least – Schildkröte Hetti, komplettieren die Rentner-Gang.

Die Bewohner von Sunset Hall sind füreinander da. Kümmern sich. Immer! Selbst wenn es darum geht, einen Mord aufzuklären. Oder auch zwei oder drei. Denn plötzlich wimmelt es in der Nachbarschaft nur so von toten alten Damen. Und der Mörder versteckt sich irgendwo in der britischen Dorfidylle. Wenn es neben der Mörderjagd nicht auch noch so viele eigene Geheimnisse zu hüten gäbe…

Fluffig-unterhaltsam präsentierte Abgründe

"Mord in Sunset Hall" von Leonie Swann

Hach, ich liebe Leonie Swanns Wohlfühlkrimis einfach. Als Schaf-Fan war ihr Debut „Glennkill“ für mich ein Muss. Und Genuss! Den irren Ziegen in „Garou“ verfiel ich noch mehr. Und ihr fantastisches Abenteuer um Floh „Dunkelsprung“ zementierte meine Liebe. Ihr letzter Roman („Gray“) schlich kinderbedingt leider an mir vorbei. Umso mehr freute ich mich, als ich auf Instagram bei der Autorin höchst selbst ihr neuestes Werk gewann: „Mord in Sunset Hall“.

Und es enttäuschte mich nicht. Fluffig-unterhaltsam präsentiert uns Swann mal wieder menschliche Schwächen und Abgründe. Aber auch unsere Stärken. Authentisch greist Agnes sich durch das Schlamassel – verwirrt, grantelnd, neugierig. Mal mit, mal ohne WG-Kumpane. Durchaus liebenswert, aber mit Vorsicht zu genießen. Wie die ganze Wohngemeinschaft.

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Kiri Johansson: „Islandsommer“

Kiri Johansson: "Islandsommer"
Kiri Johansson:
„Islandsommer“

Als sich Snob Ferdinand von Merit trennt, hält sie nichts mehr in Berlin. Die junge Künstlerin ergreift die Chance und übernimmt kurzerhand einen Job als Katzenhüterin. In Island. In Reykjavík angekommen, merkt die sympathische Chaotin schnell, dass zwei Streuner mit ihr unter einem Dach leben: Kater Köttur und der wortkarge Kristján.

Die atemberaubende isländische Landschaft, die herzlichen und aufgeschlossenen Menschen, die hellen Sommernächte – im hohen Norden findet Merit viel mehr als Ruhe von ihrem herablassenden Ex. Was als überstürzte Flucht beginnt, endet im Ankommen – bei sich, bei einer Liebe, in einem Zuhause.

Natürlich ist der Weg dorthin steinig und voller Schlaglöcher. Natürlich tragen Merit und Kristján dunkle Dämonen mit sich herum. Und natürlich haben beide Angst sich aufeinander einzulassen.

Fernweh nach der eisigen Vulkaninsel

„Islandsommer“ ist ein stimmungsvoller Liebesroman, der ins märchenhafte Island entführt. Merits Ausflüge, die greifbaren Beschreibungen ihrer Bilder, die atmosphärischen Schilderungen der Landschaft – das alles weckt eine ungeheure Neugier, eine schwingende Sehnsucht auf dieses Feenland. Wie gerne würde ich nun in heißen Thermalquellen baden, über Lavafelder wandern und Polarlichter bestaunen.

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Verena Güntner: „Power“

Verena Güntner: „Power“
Verena Güntner: „Power“

Power ist weg! Die Hitschke weiß nicht mehr weiter. Was soll sie bloß ohne ihren über alles geliebter Hund machen? Kerze muss helfen. Und Kerze hilft!

Kerze hilft, „weil sie Kerze ist. Ein Licht in der rabenschwarzen Welt.“ Sie gab sich den Namen selbst. Kerze mag keine Gefühlsduseligkeit, keine Heuchlerei, keine Ablenkung. Kerze hat keine Angst. Kerze erledigt Aufträge.

Jeder kämpft seinen Kampf

So erledigt sie auch diesen Auftrag. Sie wird Power finden. Sieben Wochen wird sie ihn suchen. Die Kinder des Dorfes bei der Suche vereinen. Die Erwachsenen ausgrenzen. Dabei werden sie und die Kinder verwildern. Werden zum Rudel. Werden Meute.

Doch auch die Erwachsenen versuchen sich zu vereinen. Für den Kampf um ihre Kinder. Für den Kampf gegen die Auslöserin Hitschke. Und die, die kämpft ihren ganz eigenen Kampf.

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Jasmin Schreiber: „Marianengraben“

Jasmin Schreiber: "Marianengraben"
„Marianengraben“

Als Paulas Herz brach schlug es einhundertsechsundfünfzig Mal in der Minute. Paula weiß das, weil sie ihre Pulsuhr trug als ihre Mutter anrief. Als ihre Mutter anrief, um ihr zu sagen, dass ihr kleiner Bruder tot sei. Paula stürzt ins Bodenlose. Dorthin, „wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff“. In den Marianengraben ihrer Seele. Die Psychiaterin attestiert ihr pathologische Traurigkeit. Verschreibt Medikamente und Therapie.

Auch wenn die junge Frau die Therapie nur so mittel findet – der Therapeut inspiriert sie zu einem nächtlichen Friedhofbesuch. Bei dem sie Helmut trifft. Der just dabei ist Helga auszugraben. Nun…ihre Urne. Eins führt zum anderen… Und plötzlich sitzt Paula neben dem kauzigen 83-Jährigen, Schäferhündin Judy und Urnen-Helga in Helmuts Wohnmobil. Auf dem Weg in die Berge, um ein Versprechen zu erfüllen.

Auch mein Herz brach ein wenig

Wow! Einfach wow! Mein Herz schlug zwar nicht einhundertsechsundfünfzig Mal in der Minute als es passierte. Doch auch mein Herz brach ein wenig, als ich Paula begleitete. Jasmin Schreibers Debüt riss bei mir Dämme, aus denen Tränenströme rauschten. Trat Türen ein, hinter denen lebensfrohes Lachen polterte.

Marianengraben“ brachte mich zum Weinen und Lachen, zum Schmunzeln und Kopfschütteln. Und ließ mich nach den letzten Seiten als zerstörtes, glücklich schniefendes Häuflein auf dem Sofa zurück. Die letzten Kapitel heulte ich durchgehend. Und wer mich kennt weiß, dass das die Adelung meiner Lektüre ist.

Ins Leben

Jasmin Schreiber: "Marianengraben"
„Marianengraben“

Ein Buch, dass mich derart berührt, hat alles richtig gemacht! Protagonistin Paula berichtet ihrem kleinen Bruder, wie es ihr geht. Oder eben nicht geht. Weshalb sie sich wie ein leeres Menschenkostüm fühlt, seitdem er fort ist. Sie erzählt ihm davon, dass sie sich schuldig fühlt. Dass sie ihn vermisst. Von all den kleinen Erinnerungen, die immer wieder aufploppen. Von ihrer unendlichen Trauer. Und von Helmut. Seinen Marotten. Seinen Verlusten. Seinem (großen) Herzen. Von ihrer Reise in die Berge. Ihrem Weg nach oben. Nach oben an die Oberfläche. Ins Leben.

Extrem persönlich und unglaublich echt

Schreiber schickt da ein ganz besonderes Paar auf die Straße. Zwei Überlebende. Kaputt, drüber, voller Spleens, auf unterschiedliche Weisen am Ende. Der Ton: Extrem persönlich und unglaublich echt. Aus dem Leben. Ganz nah dran. Die Dialoge knackig. Ein Wechselspiel von tottraurig und zum Schreien witzig.

„Marianengraben“ ist ein Buch über unendliche Liebe und bodenlose Trauer. Ein Appell fürs Durchhalten. Denn am Ende ist es doch so, wenn man liebt: „Dann geht das schon!“

Jasmin Schreiber: "Marianengraben"
Jasmin Schreibers „Marianengraben“ im Aquarium des Kölner Zoos.

Ich danke dem Eichborn Verlag für mein kostenloses Rezensionsexemplar.

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„Willow in Deutschland“ – Überirdische Satire mit Herz (Hörbuch)

Hörbuch "Willow in Deutschland"
Hörbuch: „Willow in Deutschland“

Bald ist es soweit. Bald schon schaffen wir den Sprung zur Intelligenz. Zumindest haben wir die Aufmerksamkeit hochentwickelter Wesen aus dem All geweckt. Seit Kurzem sind wir gerade interessant genug, dass sie uns einen Abgesandten senden. Einen entschlossenen, beharrlichen und mutigen Pionier, der uns und unsere Eigenarten erforschen soll: Willow!

Aber wir machen es dem tapferen Außerterrestrischen nicht leicht. Denn zu seltsam sind viele unserer Eigenheiten, Körperfunktionen und Gewohnheiten. Verrückt geradezu unser Individualismus. Doch Willow steht tapfer sein Jahr in Deutschland durch. Berichtet in seinem Tagebuch detailliert von unseren putzigen Stärken und lustigen Schwächen.

Stricht ins Wespennest bornierter Hippster-Muffeligkeit

Das Hörbuch "Willow in Deutschland" gelesen von Christian Ulmen
Hörbuch „Willow in Deutschland“

Stefan Rensch sticht mit seinen Beobachtungen ins Wespennest kleinbürgerlicher Spießigkeit, krampfmoderner Marketingmentalität, krass-normaler Randkulturen und borniert-sarkastischer Hippster-Muffeligkeit. Da kann man sich schonmal ertappt fühlen. Das kann dann schon ein wenig weh tun. Aber es ist vor allem eins: Urkomisch!

Vorleser Christian Ulmen: Sooo eine Idealbesetzung! Was hatte ich einen Spaß. Das Allroundtalent schafft es den hochintelligenten (arroganten), hochmotivierten (begriffsstutzigen), neugierigen (naiven) Außeririschen tatsächlich liebenswert und charmant wirken zu lassen. Pointiert, sensibel betont, herrlich nahbar. Er verleiht der bissigen Satire Herz und Seele; schleift Kanten und rundet Spitzen.

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Alexa Hennig von Lange: „Die Weihnachtsgeschwister“

Alexa Hennig von Lange: Die Weihnachtsgeschwister
Alexa Hennig von Lange: Die Weihnachtsgeschwister

Die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth verbringen Heiligabend – wie jedes Jahr – bei ihren Eltern. Mit (Ehe-)Partnern und Kindern und vielen Erwartungen ans besinnliche Fest. Doch seit Jahren eskalieren die Treffen; gibt ein Wort das andere. Die Geschwister verstehen sich einfach nicht mehr. Dabei wünschen sich doch eigentlich alle nur eines: So glücklich und vereint zu sein, wie in Kindertagen.

„Die Weihnachtsgeschwister“ ist eine kleine, fast banale Geschichte. Drei Geschwister, die keine Kinder mehr sind. Die sich auseinandergelebt haben. Mauern aufbauten. Die sich kaum mehr sehen, außer an diesem einen wichtigen, aufgeladenen Fest am Ende des Jahres. Die all Ihre Hoffnungen in ihre Geschwister und all ihre Ängste vor ihnen in diese wenigen Stunden legen. Es ist eine fast alltägliche, alljährliche Geschichte.

Dennoch gelingt es Alexa Hennig von Lange mich vom ersten Satz an mitzunehmen. Fast hätte ich das schmale Buch an einem Abend verschlungen. Durcheinander berichtet Hennig von Lang aus der Sicht der Geschwister und anderer Anwesender. Dabei liegt der Schwerpunkt bei den Schwestern.

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„Garten der Wünsche“: Eine Geschichte vom Finden. Vom Zulassen und Entscheiden.

Kristina Valentin: "Garten der Wünsche"
Kristina Valentin: „Garten der Wünsche“

Mir stand der Sinn nach etwas Fluffigem. Etwas herzerwärmend Frischem. Nach einem Buch, das etwas Sonne in diese nicht hell werdenden Novembertage bringt. Wie von selbst griff meine Hand nach dem „Garten der Wünsche“ von Kristina Valentin. Die norddeutsche Autorin versüßte mir als Kristina Günak mit „Glück ist meine Lieblingsfarbe“ meinen Sommerurlaub. Und wie gehofft, wehte mir „Garten der Wünsche“ ein paar frühlingshafte Sonnengefühle in den Herbst.

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Carolin Schairer schrieb sich mit „Meeresschwester“ in mein Herz

Carolin Schairer: "Meeresschwester"
Carolin Schairer: „Meeresschwester“

Die Geschichte der „Meeresschwester“ reizte mich sehr. Als dann der 424-Seiten dicke Wälzer vor mir lag, sorgte ich mich doch etwas um mein Zeitmanagement. Schließlich brauchte ich für mein letztes Erwachsenenbuch „Melmoth“ über drei Wochen. Und das war fast 100 Seiten schmaler… Die Sorge hätte ich mir sparen können. Carolin Schairers Familiengeschichte zog mich in ihren Bann. Trotz begrenzter Lesezeit verschlang ich das dicke Buch an wenigen Leseabenden.

Aus dem Leben gerissen

Lea hat sowas von keine Lust auf diesen Urlaub in Kreta. Ihr Vater verschläft die Tage, Ihre Stiefmutter Eva gammelt lesend auf der Liege rum, ihre kleine Schwester Lisa nervt sie und zu allem Überfluss überfielen sie auch noch zum ersten Mal ihre Tage. Sie will nur schnell ihre Binde im Hotel wechseln und ein paar Minuten alleine sein. Dabei merkt sie nicht, wie die vierjährige Lisa ihr nachläuft. Sie merkt nicht, wie Lisa entführt wird.

Über sechs Jahre später taucht Lisa wieder auf. Ihr geht es gut. Wenn man davon absieht, dass die Menschen, die sie entführt hatten, nicht mehr da sind. Die Menschen, die sie als ihre Eltern kannte. Die gut zu ihr waren. Die mit ihr ihre eigene Tochter ersetzten. Sie wird einmal mehr aus ihren Leben gerissen. Zurück in ihre Familie gespült. In eine Familie, die kaum noch existiert. Durch den Schicksalsschlag zerrüttet, in ihren jeweiligen Schmerz gefangen, muss nicht nur Lisa zurück in die Familie, zurück ins Leben finden.

Es verschlang mich

Ich weiß gar nicht so recht, was dieses Buch mit mir gemacht hat. Es verschlang mich. Wühlte mich auf. Berührte mich tief. Ich fühlte so sehr mit der Familie. Mit allen Beteiligten. Sogar mit den Entführern. Als Mutter fühlte ich mich naturgemäß sehr mit Eva verbunden. Konnte so sehr nachempfinden, wie es ihr gehen muss. Egal wie unrealistisch, unempathisch oder zerstörerisch sie sich verhielt. Konnte mir so sehr vorstellen, dass ich ähnlich handeln und denken würde.

Am meisten fühlte ich aber mit Erzählerin Lea. Mittlerweile 22 Jahre alt, schildert uns die junge Frau das Geschehen. Abwechselnd berichtet sie von den Vorfällen vor sechs Jahren und dem, was nach Lisas Auftauchen geschieht. Sie erzählt von dem, was Lisas Verschwinden folgte. Von überstürzten Verdächtigungen, unendlicher Hoffnung, unerträglichem Schmerz, schmerzhafter Taubheit, Isolation und Resignation.

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„Melmoth“ von Sarah Perry

„Melmoth“ von Sarah Perry
„Melmoth“

Die Engländerin Helen Franklin lebt ein bescheidenes Leben in Prag. Mit Ihrem spartanischen Lebensstil in ihrem selbstauferlegten Exil geißelt sie sich für eine Sünde, die sie seit langer Zeit mit sich trägt. Eine unverzeihliche, unaussprechliche Sünde. Als ein Freund Helen Dokumente über eine mythische Figur namens Melmoth übergibt, gerät ihr striktes Büßerleben aus dem Takt. Verfolgt Melmoth die Zeugin sie? Hat sie sie schon immer beobachtet? Kommt sie, sie zu holen?

Kein Schauerroman, keine Horrorgeschichte!

Was hab ich mich auf dieses Buch gefreut. Auf atmosphärischen Nervenkitzel während länger werdender Herbstabende. Schließlich verspricht der Rückentext einen fesselnden, unheimlichen Roman mit mysteriöser Gruselgestalt. Doch Sarah Perrys „Melmoth“ ist kein Schauerroman, keine Horrorgeschichte. Der Roman ist viel eher ein Psychogramm; eine philosophische Aufbereitung der Frage nach Schuld und Sühne; nach den Folgen, die unsere Handlungen haben und den Wert des Lebens. Es ist keine leichte Kost und alles andere als einfach zu lesen.

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