„Nächte im Tunnel“ von Anna Woltz

Das Jugendbuch „Nächte im Tunnel“ von Anna Woltz auf einer Mauer vor einem Zaun

Ella lebt gerade erst wieder. Kann gerade erst wieder atmen. Nachdem sie Monate lang von einer Maschine am Leben erhalte wurde. Nur um nun unter der Erde zu hocken. Schon wieder keine Luft zu bekommen. In einem U-Bahntunnel in London. Mit ihrem kleinen Bruder Robbie und hunderten anderer Menschen. Während Flieger die Stadt bombardieren.

Als sie Quinn kennenlernt, erwacht Ellas Lebenswillen. Wie aus einer anderen Welt schwebt das andere Mädchen durch die Trümmer. Voller Tatendrang, Mut und Kraft. Dagegen weckt der dreiste Jay erst einmal nur Wut in ihr. Doch der Junge, der sich ganz allein durch schlagen muss, rührt nach und nach auch anderes in ihr.

Gebannt verschlang ich Seite um Seite

Anna Woltz schaffte es mit „Nächte im Tunnel“ wieder, mich vollkommen in ihre Welt zu ziehen. Gebannt verschlang ich Seite um Seite. Es raubte mir den Schlaf. Musste ich doch wissen, wie es mit Ella, Quinn, Robbie und Jay endet. Schließlich erfahren wir schon im zweiten Satz des Romans, dass einer von ihnen sterben wird.

Bis zum Schluss fieberte ich mit. War unschlüssig, bei wem ich es am ehesten verkraften könnte. Wünschte, alle würden es schaffen. Autoren machen sowas ja manchmal. Doch hat das Leben nun mal nicht immer ein Happy End. Besonders nicht im Krieg. Anna Woltz weiß das. Und das ist gut so.

Ganz nah, ganz dicht, ganz echt

Rücken des Jugendbuches „Nächte im Tunnel“ von Anna Woltz

Ich schreibe diese Zeilen und Gänsehaut überzieht meine Arme. Schon wieder. Zu schreiben „Nächte im Tunnel“ sei ein gutes Buch, trifft es für mich nicht annährend. Ella erzählt ihre Geschichte ganz nah, ganz dicht, ganz echt. Ich war mit ihr im Tunnel. Lief mit ihr durch das zerstörte London. Teilte ihre Angst. Sorgte mich unbändig um ihren Bruder und ihre Familie. Gleichzeitig verstand ich ihre Ungeduld, ihren Widerwillen, ihren Aufbruchsdrang. Ihre Liebe zu Geschichten. Ihren Wunsch zur Flucht.

Ich lernte so viel über das Leben der Menschen während des Zweiten Weltkriegs in der britischen Metropole. Lernte auch viel über Polio (Kinderlähmung). Recherchierte die Anfänge und den Einsatz der Eisernen Lungen. Und war mal wieder so dankbar im Hier und Heute zu leben.

„Nächte im Tunnel“ ist intensive, ergreifende, nachhaltig beeindruckende Literatur für Menschen ab 14 Jahren. Mit starken, empathischen weiblichen Protagonistinnen und genauso starken wie verletzlichen männlichen Charakteren. Mit mutigen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die leben und lieben wollen. Über den Krieg hinaus. Aber auch über gesellschaftliche Grenzen hinaus.

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„Klaus muss raus“ von Maiken Brathe

Der Roman „Klaus muss raus“ von Maiken Brathe

„All das ist Heinz. Praktisch überall ist er im Haus. Er ist das Haus… Und was bin ich? …
Wann war ich mal ich selbst? Nur bei den Pusteblumen, wenn ich zusah, wie die Samen durch die Luft getragen wurden und Frau Reineke rote Flecken im Gesicht bekam, wenn sie mich am Gartenzaun beim Pusten erwischte.“

Seit 40 Jahren lebt Edith im Haus ihres Mannes. Nach einer verhängnisvollen Nacht, in welcher der weit ältere Mann das 19-jährige Mädchen schwängerte. Nun ist Heinz tot. Und Edith frei. Doch so einfach ist das nicht. Nach all den Jahren unter der Knute ihres bevormundenden, herablassenden Ehemannes. Unter dem strengen Blick der übergriffigen Nachbarin. Mit dem Langzeit-Stubenhocker Klaus an der Backe. Wer ist sie denn überhaupt?

Mit Pudel Paulchen bahnt sich Edith ihren Weg. Aus dem Haus. Durch den Wald. Ins Leben. Denn auf ihren Streifzügen mit dem betagten Hund begegnet sie Kim. Kim, die alle lokalen Hundemenschen kennt. Kim mit dem wippenden Mantel. Die Frauen mag. Kim ohne Angst.

„Ist nichtvorhandene Angst automatisch Mut? Ich denke nicht. Ich will nicht mutig sein. Ich will nur einfach keine Angst mehr haben, etwas falsch zu machen. Falsch zu sein.“

Ach, Edith!

Rücken des Romans „Klaus muss raus“ von Maiken Brathe

Maiken Brathe gibt Ediths leiser Stimme Raum. Lässt sie wachsen. Langsam, einfühlsam; mit viel Witz und Verständnis. Ediths Geschichte, ihr Verhalten wirken aus einer anderen Zeit. Doch gibt es sie noch. Die Frauen, denen nie eine eigene Meinung zugesprochen wurde. Die nie lernten, eigenständig denken zu dürfen. Denen immer wieder sämtliche Türen vor der Nase zugeknallt wurden. Die schlussendlich daran glauben, dass sie nichts können. Nichts sind. Und es gibt deren Kinder, die das Weltbild weiter in sich tragen. So wie Klaus.

Klaus! Was verabscheute ich ihn. Diesen Unsympath. Diesen grobschlächtigen Idioten. Dieses Abziehbild seines Vaters. Wie sehr wollte ich Edith ihre Muttergefühle aus dem Leib schütteln. Ihr die Augen öffnen. Nur um wenige Stunden später verklärt auf meine Kinder zu blicken. Und Edith plötzlich zu verstehen. All ihre Schuldgefühle. All ihr Nachgeben. Sämtliche Versuche ihre Brut zu schützen. Selbst die Scham, an und mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu scheiten. Ach, Edith!

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„Welcher Weg ist meiner“ von Britta Sabbag und Igor Lange

Das Bilderbuch „Welcher Weg ist meiner“ von Britta Sabbag und Igor Langean Felsen gelehnt

Verzagt steht es dort, das kleine Menschenkind. Zögert. Schaut zweifelnd auf den Weg, der vor ihm liegt. Bis der Weg zu dem Kind spricht. Er versteht, dass er herausfordert und verwirrt. Doch verspricht auch Überraschungen und Wunder. Erzählt von Begleitern und einem Rucksack voll mit dem, was das Kind braucht. Von seinem eigenen Kompass, Fernrohr, Licht und Seil.

Der Weg nimmt die Angst vorm Weitergehen, vor falschen Entscheidungen und Fehlern. Rät zu ruhigen Momenten. Dazu, vielleicht auch mal einen Schritt zurückzugehen. Sich auszuprobieren. Es einfach zu tun und loszugehen.

Ausschnitt einer Innenseite des Bilderbuches „Welcher Weg ist meiner“ von Britta Sabbag und Igor Lange

Voller Wunder

Rückseite des Bilderbuches „Welcher Weg ist meiner“ von Britta Sabbag und Igor Lange

In seinen fantasievollen Illustrationen nimmt uns das Bilderbuch „Welcher Weg ist meiner“ mit auf die Reise. Mit auf den Weg. Der wundervoll vor uns liegt.

Auch wenn der Weg uns ängstigt und zweifeln lässt. Wir sind ihm gewachsen. Mit Kopf (Rucksack), Kompass (Bauchgefühl), Fernrohr (Herz), Licht (Erfahrung) und Seil (Mut) meistern wir seine Herausforderungen. Lernen auch Verzweigungen und Umwege zu schätzen.

Ausschnitt einer Innenseite des Bilderbuches „Welcher Weg ist meiner“ von Britta Sabbag und Igor Lange

Welch funkelnder Schatz!

Mein Vize (6) verstand die philosophischen Sätze sehr gut. Mochte die Sprachbilder. Nutzt Kompass, Fernrohr und Seil auch im Alltag. Welch funkelnder Schatz!

Nicht nur für Vorschulkinder und Grundschüler*innen. Auch für Schüler, die vor ihrem Abschluss stehen. Deren Frage nach ihrem Weg oft so sehr brennt. Selbst für Erwachsene, die ihren Weg vielleicht aus den Augen verloren haben. Lieber stillstehen und verharren als weiterzugehen. Vielleicht gerade für sie.

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„Baba Anna: Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog“

Das Bilderbuch „Baba Anna: Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog“ von Yaroslava Black und Ulrike Jänichen

„Sie sieht schön aus“, sagte ich. Mutter nickte…sicherlich war Baba Anna mit uns zufrieden. Nichts haten wir vergessen. Wie konnten wir auch? Hatte sie uns doch bei jedem Fest an ihre Sterbe-Garderobe erinnert“.

Sie wünschte, dass Baba Anna sich im Spiegel sehen könnte. Doch die Spiegel sind zugedeckt. Weil der Geist der Verstorbenen sich nicht darin verirren soll. Nicht spukend zurück bleiben soll. Doch das Kind ist sich sicher: Die Großmutter würde nicht spuken. Sie will doch zu Großvater.

„Wir wollten lachen, aber stattdessen husteten wir nur. Denn wir waren unter der strengen Beobachtung vieler alter Frauen, denen es wichtig war, alles nach Gottes Ordnung zu verrichten.“

So lächelt das Mädchen in ihren Schal. Den sie trägt, weil es im Haus kalt ist. Weil Baba Anna es jetzt nicht warm mag. Sie erinnert sich an die letzten Tage mit ihrer Oma. Und an weit Zurückliegende. An Lustiges und Schönes.

Von der jungen Erzählerin erfahren wir, dass der Sarg erst nach drei Tagen das Haus verlässt. Welche Bräuche beachtet werden müssen. Um der Seele den Weg ins Geisterreich zu erleichtern. Und sie berichtet uns, was Baba Anna ihr im Traum verriet. Als sie fragte, ob es schwer war zu sterben.

„Kein bisschen“, sagte sie. „Wie Kleider ablegen. Man wird leicht wie ein Blatt und kann fliegen.“

Geborgenheit und Zuversicht

Rückseite des Bilderbuches „Baba Anna: Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog“ von Yaroslava Black und Ulrike Jänichen

Yaroslava Black erzählt vom Tod ihrer Großmutter. Erzählt von den Bräuchen in dem Dorf ihrer Kindheit. Am Fuße der Karpaten, im ukrainischen Galizien. Mit Riten, die vielen von uns archaisch vorkommen mögen. Jedoch in mir eine Sehnsucht wecken. Mir zeigen, wie sehr ich diesen natürlichen Umgang mit dem Tod vermisse. Wie sehr ich den Wunsch hege, mich auch so verabschieden zu dürfen.

Auch meinen Kindern wünsche ich, dass sie den Tod als einen Teil des Lebens annehmen. Angstfrei und neugierig. Und genau diesen unbefangenen Umgang mit dem Tod vermittelt die in Köln lebende Pfarrerin.

Die folkloristisch anmutenden Illustrationen von Ulrike Jänichen begleiten Blacks Worte höchst feinsinnig. Farbenprächtig, fast üppig führen die weichen Buntstiftbilder durch die Geschichte. Streicheln Geborgenheit und Zuversicht in den Verlust.

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Kuschelflosse 7: „Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ von Nina Müller

Das Vorlesebuch "Kuschelflosse - Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ von Nina Müller an einen Regenbogendelfin gelehnt auf einem flauschigem, naturfarbenen Kissenliegen

Gleich soll sie verlost werden. Die größte Seeigel-Sahnetorte der Welt. Ganz Fischhausen versammelt sich vor der Konditorei „Süßes Glück“. Alle warten gespannt auf den großen Moment. Auch Fellfisch Kuschelflosse, Seebrillchen Sebi, Schwimmerdbeere Emmi und Herr Kofferfisch warten seit Wochen auf diesen Moment.

Doch, oh weia! Herr Kofferfisch rumpelt aus Versehen Kuschelflosses Glückbringer entzwei. Um seinen arg betrübten Freund zu trösten, will er ihm ganz schnell Ersatz beschaffen. Also landet die Truppe im Krimskramsladen. Wo Herr Kofferfisch eine geheimnisvolle Glücksdose findet. Mit der kann bei der Verlosung nichts mehr schief gehen! 😊

Tatsächlich enthält die Dose eine glücksbringende Überraschung: Einen höchst seltenen und enorm schüchternen Glücksflutsch. Ob der kleine Glücksdrache wirklich Glück bringt? Und was ist das überhaupt, dieses Glück?

Flauschig-fluffig und lehrreich

Im siebten Abenteuer der Fischhausener Freunde dreht sich alles um große Erwartungen. Um Vorfreude und Wünsche. Aber auch um Einfühlungsvermögen und Verständnis. Zusätzlich ist das Mogeln Thema. Was es in anderen auslöst. Wie man damit umgehen kann, wenn man jemanden beim Schummeln erwischt.

Ausschnitt einer Innenseite des Vorlesebuches „Kuschelflosse: Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ von Nina Müller
Kuschelflosse Band 7: „Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ von Nina Müller

Für mich ist es wieder eine absolut lehrreiche Geschichte. Dabei flauschig-fluffig. Ohne Zeigefinger. Dafür mit viel Niedlichkeit. Und Sahnetorte. 😉

Chef (9) und Vizechef (5) mögen „Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ sehr. Der Große fühlt sich in Kuschelflosses Clique noch immer wohl. Das Vorschulkind fühlt sich immer wohler. Ist im besten Kuschelflosse-Alter.

Kuschelige Vorlesemomente

Rückseite von Kuschelflosse Band 7: "Das goldige Glücksdrachen-Geglitzer“ von Nina Müller

Wir genießen die Vorlesemomente mit allen zusammen auf dem Sofa lümmelnd. Stecken die Nasen in die Blätter mit ihren wundervollen Wuselbildern. Entdecken alte Bekannte. Freuen uns über neue. Sind ganz vernarrt in den zuckersüßen, traurigen Glücksflutsch. Genießen die Momente, in denen unsere Unterwasserfreunde über sich hinauswachsen.

Nächste Woche erscheint schon Band 8 der blubberfrischen Reihe. „Das kurios komische Klimbim-Kliff“ verspricht ein spukiges Urlaubsabenteuer. Hach, was freuen wir uns auf üsselige Herbstnachmittage auf unserer Couch!

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„Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Der Roman „Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Dass sein Sohn Loris nicht alt werden wird, das weiß er schon lange. Doch alles Wissen dieser Welt hilft nicht. Darauf kann sich ein Vater nicht vorbereiten. Nun, das Ende rückt näher. Loris ist 15 Jahre alt und liegt mit Duchenne-Muskeldystrophie im Endstadium im Krankenhaus. Was macht ein Vater da?

Dieser Vater gibt sein Bestes! Um seinem Sohn noch einen großen Wunsch zu erfüllen. Und um seine Ehe zu retten. Er schreibt einen Brief. An seine Frau. Denn er liebt seinen Sohn. Über alles. Und er liebt seine Frau.

„Zwei Drittel aller Ehen zerbrächen nach dem Tod des Kindes, hieß es. Ich habe große Angst vor allem, was kommt. Und dass uns das am Ende auch passiert. Warum sind wir mittlerweile so weit voneinander entfernt? Dieser Brief hier ist meine Waffe. Und jeder Satz ist eine Ladung Patronen, die ich abfeuern möchte auf diese Krankheit und diese Statistik. Dieses beschissene Omen für uns beide.“ (Seite 23)

Voller Lebensfreude dem Tod ins Auge blicken

Rückenansicht des Buches „Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber

Also schreibt er diesen Brief. Wenn seine Frau im Krankenhaus bei ihrem Sohn wacht. Schreibt seiner Frau von seinen Ängsten. Von seinen Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit als Paar. Als Familie. Berichtet von der Gegenwart. Von ihrem wundervollen Sohn. Der so stark ist. So weise. So voller Lebensfreude. Erzählt davon, wie er ihm noch einen letzten großen Wunsch erfüllt. Sammelt Momente. Versteckt sie im Klavier. Bis die Zeit reif ist.

Während ich hier sitze und noch einmal in dem schmalen Büchlein blättere, steigen sie unweigerlich hoch. Diese mit Gefühlen vollgesogenen Tränen. Aber das ist ok. Sie begleiteten mich schon beim Lesen. Sind alte Bekannte. Die bekunden, wie großartig ich das Gelesene fand. Wie nahe mir die Geschichte ging. Wie sehr ich diesen Vater mochte. Der so verzweifelt versucht, seinen Sohn glücklich zu machen. Diesen tollen Sohn, der das so wertschätzt. Der sein Leben so liebt. Diese Mutter, die ich so gut verstand. Die mir am Ende das Herz brach. Und heilte.

Von wahrer Liebe und großer Tapferkeit

„Herr Lundqvist nimmt den Helm ab“ ist ein Briefroman, der von wahrer Liebe erzählt. Der unbeschreiblichen, bedingungslosen Liebe zu seinem Kind. Und der romantischen, welche gepflegt werden will. Um die man sich kümmern muss. Sich bemühen. Beides rührte mich zutiefst. Auch ist es eine Geschichte ungeheurer Tapferkeit. Denn ich wüsste niemanden der tapferer wäre als Eltern, die ihr Kind überleben. Dabei versuchen weiter zu machen. Den Himmel zu sehen. Kraft zu finden.

Es ist ein kurzes Buch. Eine kleine Geschichte. Die mit Wucht über den Leser herfällt. Weeber schreibt unglaublich leicht über ein unfassbar schweres Thema. Begegnet dem Albtraum mit Humor und Poesie. Verharmlost dabei nichts.

Ich bin schwer beeindruckt und noch immer aufgewühlt. Obwohl ich nicht genau weiß, wem konkret ich dieses Buch empfehlen würde, empfehle ich es wild und dringend!

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„Ein wilder Tag in der Schule“ von Christine Naumann-Villemin und Grégoire Mabire

Eine meiner persönlichen Neuentdeckungen der letzten Frankfurter Buchmesse waren die Kinderbücher des Schweizer Midas Verlages. Eine kleine, sehr feine Auswahl an vielfältigen, künstlerischen, frischen und frechen Bilderbüchern. Eins reiste mit nach Köln. Wo es meine Jungs sofort an sich rissen.

Das Bilderbuch „Ein wilder Tag in der Schule“ von Christine Naumann-Villemin und Grégoire Mabire

Heute darf jedes Kind etwas Besonderes mit in die Schule bringen. Doch bevor die aufgeregten Kinder ihre Mitbringsel präsentieren können, springt die Lehrerin panisch in die Luft. Weil eine große haarige Spinne auf ihrem Fuß sitzt.

Nun ja… Frau Koch landet unglücklich. Der Schrank kippt um. Was zur Folge hat, dass das Klassenzimmer durch die Decke kracht. Im Schulhof landet. Es folgt ein Sturm. Der den Boden des Klassenzimmers auf eine Weide weht. Auf der ein Stier grast…

Ein aberwitziger Bilderbuchspaß

Rückenansicht des Bilderbuchs „Ein wilder Tag in der Schule“ von Christine Naumann-Villemin und Grégoire Mabire

Ihr ahnt es. Es geht so weiter. Es kommt eines zum anderen. Die Reise der Klasse wird immer abstruser. An immer verrücktere Orte verschlägt es die Kinder samt Lehrerin. Immer dabei: Das kleine Spinnentier. Welches – natürlich – eine wichtige Rolle spielen wird.

„Ein wilder Tag in der Schule“ ist ein aberwitziger Bilderbuchspaß. An dem nicht nur Schüler ihre Freude haben. Der Vize (5) kringelte sich vor Lachen. Machte sich zwischendurch nur ein wenig Sorgen um das Spinnchen. Der Chef (8) wünscht sich sehnlichst, dass seiner Klasse auch mal so etwas geschieht. Immerhin, ein Schrank ist während des Schlagzeigunterrichts schon einmal umgefallen. Da ist eine verrückte Reise wie in diesem Buch doch der nächste logische Schritt. Oder?

Wir purzeln durch die Seiten

Wenige Sätze pro Seite, sich wiederholende Elemente und eine actiongeladene Stimmung sorgen dafür, dass wir durch die Seiten purzelten. Wie die Kinder der Klasse von Frau Koch. Welch Taumel!

Die Illustrationen stecken voller Witz. Sind überdreht und doch super sympathisch. Nicht drüber. Genau richtig.

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„Der Seelenvogel“ von Michal Snunit und Na’ama Golomb

Zum 30. Jubiläum dieses wunderbaren Buches, landet „Der Seelenvogel“ endlich auch bei mir!
„Der Seelenvogel“ von Michal Snunit und Na'ama Golomb

Wie er bisher an mit vorbei flattern konnte, ist mir ein Rätsel. Denn das kleine Büchlein beherbergt wahrlich Großartiges. Es steckt voller kraftvoller Sätze, die uns helfen uns etwas besser zu verstehen. Uns anzunehmen. Unsere Seele zu entdecken.

Zusammen mit dem Seelenvogel. Der mittendrin wohnt, in unserer Seele. Bei jedem von uns. Der das fühlt, was wir fühlen. Dem alles weh tut, wenn uns jemand verletzt. Der lustige Sprünge macht, wenn uns jemand liebt. Der sich ganz klein macht, wenn jemand böse auf uns ist. Und uns ausfüllt, wenn uns jemand in den Arm nimmt.

Niemand wird ohne diesen Vogel geboren. Solange wir leben, begleitet er uns. Öffnet die Schubladen, in denen unsere Gefühle und Stimmungen lagern. Bestimmt so unsere Launen. Denn manchmal gehorcht er uns nicht. Dann bringt er uns in Schwierigkeiten. Weil er sauer oder eifersüchtig oder wütend ist. Manche Vögel machen jeden Morgen die Schublade „Freude“ auf, andere Vögel vergessen die Schublade „Traurigkeit“ zu schließen.

„Manche Leute hören den Seelenvogel oft, manche hören ihn selten. Und manche hören ihn nur einmal in ihrem Leben.“

Worte für dieses Unbegreifliche in uns drin

„Der Seelenvogel“ von Michal Snunit und Na'ama Golomb

„Der Seelenvogel“ beflügelt uns, über unsere Gefühle zu reden. Gibt Großen und Kleinen ein Hilfsmittel an die Hand, etwas zu verbalisieren für das es doch oft nur unzureichend Wörter gibt. Mit dem Bild des wuselnden, wütenden, weiten Vogels im Kopf, schaffen wir es Gefühlen ein Bild zu geben. Dieses Flatternde, Wechselnde, Unbegreifliche in uns drin ein Gesicht zu geben. Vielleicht auch gnädiger mit uns zu sein. Den Vogel mal zu streicheln, wenn er tobt. Oder uns mitreißen zu lassen, wenn er tanzt.

Die einfache, weiße Illustration des Vogels wirkt dabei wie eine Leinwand für die Fantasie. Die klaren Sätze leiten an. Stellen vor und lassen uns dann los. Zum Horchen. Zuhören. In uns fühlen. Dabei bleibt es nicht aus, sich den Vogel der anderen vorzustellen. Empathie zu entwickeln. Fast nebenher. Welch wundervolles Geschenk!

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Eine Geschichte voller dunkler Geheimnisse

Antje Wagner: Hyde
Antje Wagner: Hyde

Katrina wuchs mit ihrer Zwillingsschwester in einer Hütte mitten im Wald auf. Wohlbehütet von ihrem Vater führte sie ein wildes Leben in Freiheit. Doch dann passierte etwas mit ihrem Zuhause. Das hinter Hecken verborgenen Hyde existiert nicht mehr. Die heute 18-jährige Tischlerin befindet sich auf der Walz. Sie trägt ein Rachebuch bei sich. Mit fünf Namen. Einer ist schon durchgestrichen.

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ – wer kennt die Geschichte nicht. Katrinas Vater gab ihrem Zuhause sehr bewusst den Namen des anständigen Herren, der sich nachts in ein bösartiges Monster verwandelte. Alles hat zwei Seiten. Nichts ist nur gut. So steckt auch Katrinas Geschichte voller dunkler Geheimnisse. Und voller Unglaublichem.

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