Power ist weg! Die Hitschke weiß nicht mehr weiter. Was soll sie bloß ohne ihren über alles geliebten Hund machen? Kerze muss helfen. Und Kerze hilft!
Kerze hilft, „weil sie Kerze ist. Ein Licht in der rabenschwarzen Welt.“ Sie gab sich den Namen selbst. Kerze mag keine Gefühlsduseligkeit. Keine Heuchlerei, keine Ablenkung. Kerze hat keine Angst. Kerze erledigt Aufträge.
Jeder kämpft seinen Kampf
So erledigt sie auch diesen Auftrag. Sie wird Power finden. Sieben Wochen wird sie ihn suchen. Die Kinder des Dorfes bei der Suche vereinen. Die Erwachsenen ausgrenzen. Dabei werden sie und die Kinder verwildern. Werden zum Rudel. Werden Meute.
Doch auch die Erwachsenen versuchen sich zu vereinen. Für den Kampf um ihre Kinder. Für den Kampf gegen die Auslöserin Hitschke. Und die, die kämpft ihren ganz eigenen Kampf.
Als Paulas Herz brach schlug es einhundertsechsundfünfzig Mal in der Minute. Paula weiß das, weil sie ihre Pulsuhr trug als ihre Mutter anrief. Als ihre Mutter anrief, um ihr zu sagen, dass ihr kleiner Bruder tot sei. Paula stürzt ins Bodenlose. Dorthin, „wo es kein Licht mehr gibt, keine Farben und kaum noch Sauerstoff“. In den Marianengraben ihrer Seele. Die Psychiaterin attestiert ihr pathologische Traurigkeit. Verschreibt Medikamente und Therapie.
Auch wenn die junge Frau die Therapie nur so mittel findet – der Therapeut inspiriert sie zu einem nächtlichen Friedhofbesuch. Bei dem sie Helmut trifft. Der just dabei ist Helga auszugraben. Nun…ihre Urne. Eins führt zum anderen… Und plötzlich sitzt Paula neben dem kauzigen 83-Jährigen, Schäferhündin Judy und Urnen-Helga in Helmuts Wohnmobil. Auf dem Weg in die Berge, um ein Versprechen zu erfüllen.
Auch mein Herz brach ein wenig
Wow! Einfach wow! Mein Herz schlug zwar nicht einhundertsechsundfünfzig Mal in der Minute als es passierte. Doch auch mein Herz brach ein wenig, als ich Paula begleitete. Jasmin Schreibers Debüt riss bei mir Dämme, aus denen Tränenströme rauschten. Trat Türen ein, hinter denen lebensfrohes Lachen polterte.
„Marianengraben“ brachte mich zum Weinen und Lachen, zum Schmunzeln und Kopfschütteln. Und ließ mich nach den letzten Seiten als zerstörtes, glücklich schniefendes Häuflein auf dem Sofa zurück. Die letzten Kapitel heulte ich durchgehend. Und wer mich kennt weiß, dass das die Adelung meiner Lektüre ist.
Ins Leben
„Marianengraben“
Ein Buch, dass mich derart berührt, hat alles richtig gemacht! Protagonistin Paula berichtet ihrem kleinen Bruder, wie es ihr geht. Oder eben nicht geht. Weshalb sie sich wie ein leeres Menschenkostüm fühlt, seitdem er fort ist. Sie erzählt ihm davon, dass sie sich schuldig fühlt. Dass sie ihn vermisst. Von all den kleinen Erinnerungen, die immer wieder aufploppen. Von ihrer unendlichen Trauer. Und von Helmut. Seinen Marotten. Seinen Verlusten. Seinem (großen) Herzen. Von ihrer Reise in die Berge. Ihrem Weg nach oben. Nach oben an die Oberfläche. Ins Leben.
Extrem persönlich und unglaublich echt
Schreiber schickt da ein ganz besonderes Paar auf die Straße. Zwei Überlebende. Kaputt, drüber, voller Spleens, auf unterschiedliche Weisen am Ende. Der Ton: Extrem persönlich und unglaublich echt. Aus dem Leben. Ganz nah dran. Die Dialoge knackig. Ein Wechselspiel von tottraurig und zum Schreien witzig.
„Marianengraben“ ist ein Buch über unendliche Liebe und bodenlose Trauer. Ein Appell fürs Durchhalten. Denn am Ende ist es doch so, wenn man liebt: „Dann geht das schon!“
Jasmin Schreibers „Marianengraben“ im Aquarium des Kölner Zoos.
Ich danke dem Eichborn Verlag für mein kostenloses Rezensionsexemplar.
Christoph Straßer: „Paria oder von der Kunst, nicht lieben zu müssen“
Fast neun Jahre ist es her, dass ich über Christoph Straßer stolperte. Nun, nicht über ihn direkt, sondern über sein Buch „Warum. Frankenfish?“. Ein erfrischend bissiger und urkomischer Kurzroman über den Alltagswahnsinn eines Videothekenangestellten. Nun durfte ich Straßers neuesten Roman „Paria oder von der Kunst, nicht lieben zu müssen“ lesen. Und den Ton erkannte ich sofort wieder.
Altklug, überheblich, unverfroren und von sich selbst überzeugt tändelt unser Protagonist von One-Night-Stand zu One-Night-Stand. Er begehrt die Frauen. Trägt sie auf Händen. Sieht sie. Liebt sie. Im besten Sinne. Ehrlich. Doch einmal erobert, einmal genossen, verfliegt der Reiz. Es bleibt Gleichgültigkeit. Ein zweites Date? Eine Beziehung? Nein danke! Dabei bleibt er immer aufmerksam. Immer höflich. Immer überlegen.
Armer Gigolo!
So schwankt der dissoziale Großstadtcasanova von Bett zu Bett; von Rausch zu Rausch; von reinster Lust zu maximalem Desinteresse. Doch: Armer Gigolo! Seine wohlverputzte Fassade bekommt Risse. Nach und nach verliert er die Kontrolle. Sucht einen Sinn. Sucht Tiefe. Und kann dabei eigentlich nur scheitern.
Schon als mir die liebe Leipziger Mama Anne vor fast einem Jahr ein Wannenbuch unter die Nase hielt, war ich begeistert.
Ich lese nämlich leidenschaftlich gerne in der Badewanne. Vergesse dabei die Zeit, schrumpel vor mich hin und schaffe es erst mich aufzuraffen, wenn das Wasser eisekalt ist. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das bisher jedes Buch unfallfrei überstanden hat. Hier ein Wasserfleck, da ein ertrunkenes Lesezeichen und selten auch mal ein aus der Hand gerutschtes, triefnasses Taschenbuch. Mein bibliophiles Herz weint dann immer sehr. Dennoch: Ich bin da ziemlich lernresistent.
Deswegen feiere ich die Bücher der Edition Wannenbuch ganz, ganz hart. Und laut! Und mit viel Liebe!!! Denn die sind für Wannennixen wie mich gemacht. Wasser ist ihre natürliche Umgebung. Das Habitat, in dem sie sich wohlfühlen. Wer sie artgerecht halten will, der MUSS baden!
Maike Voß: „So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt“
Oha! Maike Voß erwischte mich mit ihrem Debütroman „So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt“ eiskalt. Weckte Gedanken und Gefühle, die zu einem anderen Leben, einem anderen Menschen gehörten. Einer anderen Simone. In einer anderen Zeit.
Seit 18 Monaten ergänzen sich Leon und Viola. Die 20-Jährigen hören zusammen Musik und gehen auf Konzerte. Geben sich Halt. Erhellen die Dunkelheit des anderen. Als beste Freunde. Doch keiner von beiden öffnet sich ganz. Ihre tiefen Wunden, die finstersten Schluchten behalten sie für sich. Genauso wie ihre Vergangenheit, ihren jeweiligen Freundeskreis, ihre Familien. Sie sind Planeten, die sich nur um sich selbst drehen. Mehr brauchen sie nicht. Oder doch? Ja, doch!
Bald ist es soweit. Bald schon schaffen wir den Sprung zur Intelligenz. Zumindest haben wir die Aufmerksamkeit hochentwickelter Wesen aus dem All geweckt. Seit Kurzem sind wir gerade interessant genug, dass sie uns einen Abgesandten senden. Einen entschlossenen, beharrlichen und mutigen Pionier, der uns und unsere Eigenarten erforschen soll: Willow!
Aber wir machen es dem tapferen Außerterrestrischen nicht leicht. Denn zu seltsam sind viele unserer Eigenheiten, Körperfunktionen und Gewohnheiten. Verrückt geradezu unser Individualismus. Doch Willow steht tapfer sein Jahr in Deutschland durch. Berichtet in seinem Tagebuch detailliert von unseren putzigen Stärken und lustigen Schwächen.
Stricht ins Wespennest bornierter Hippster-Muffeligkeit
Hörbuch „Willow in Deutschland“
Stefan Rensch sticht mit seinen Beobachtungen ins Wespennest kleinbürgerlicher Spießigkeit, krampfmoderner Marketingmentalität, krass-normaler Randkulturen und borniert-sarkastischer Hippster-Muffeligkeit. Da kann man sich schonmal ertappt fühlen. Das kann dann schon ein wenig weh tun. Aber es ist vor allem eins: Urkomisch!
Vorleser Christian Ulmen: Sooo eine Idealbesetzung! Was hatte ich einen Spaß. Das Allroundtalent schafft es den hochintelligenten (arroganten), hochmotivierten (begriffsstutzigen), neugierigen (naiven) Außeririschen tatsächlich liebenswert und charmant wirken zu lassen. Pointiert, sensibel betont, herrlich nahbar. Er verleiht der bissigen Satire Herz und Seele; schleift Kanten und rundet Spitzen.
Die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth verbringen Heiligabend – wie jedes Jahr – bei ihren Eltern. Mit (Ehe-)Partnern und Kindern und vielen Erwartungen ans besinnliche Fest. Doch seit Jahren eskalieren die Treffen; gibt ein Wort das andere. Die Geschwister verstehen sich einfach nicht mehr. Dabei wünschen sich doch eigentlich alle nur eines: So glücklich und vereint zu sein, wie in Kindertagen.
„Die Weihnachtsgeschwister“ ist eine kleine, fast banale Geschichte. Drei Geschwister, die keine Kinder mehr sind. Die sich auseinandergelebt haben. Mauern aufbauten. Die sich kaum mehr sehen, außer an diesem einen wichtigen, aufgeladenen Fest am Ende des Jahres. Die all Ihre Hoffnungen in ihre Geschwister und all ihre Ängste vor ihnen in diese wenigen Stunden legen. Es ist eine fast alltägliche, alljährliche Geschichte.
Dennoch gelingt es Alexa Hennig von Lange mich vom ersten Satz an mitzunehmen. Fast hätte ich das schmale Buch an einem Abend verschlungen. Durcheinander berichtet Hennig von Lang aus der Sicht der Geschwister und anderer Anwesender. Dabei liegt der Schwerpunkt bei den Schwestern.
Mir stand der Sinn nach etwas Fluffigem. Etwas herzerwärmend Frischem. Nach einem Buch, das etwas Sonne in diese nicht hell werdenden Novembertage bringt. Wie von selbst griff meine Hand nach dem „Garten der Wünsche“ von Kristina Valentin. Die norddeutsche Autorin versüßte mir als Kristina Günak mit „Glück ist meine Lieblingsfarbe“ meinen Sommerurlaub. Und wie gehofft, wehte mir „Garten der Wünsche“ ein paar frühlingshafte Sonnengefühle in den Herbst.
Die Geschichte der „Meeresschwester“ reizte mich sehr. Als dann der 424-Seiten dicke Wälzer vor mir lag, sorgte ich mich doch etwas um mein Zeitmanagement. Schließlich brauchte ich für mein letztes Erwachsenenbuch „Melmoth“ über drei Wochen. Und das war fast 100 Seiten schmaler… Die Sorge hätte ich mir sparen können. Carolin Schairers Familiengeschichte zog mich in ihren Bann. Trotz begrenzter Lesezeit verschlang ich das dicke Buch an wenigen Leseabenden.
Aus dem Leben gerissen
Lea hat sowas von keine Lust auf diesen Urlaub in Kreta. Ihr Vater verschläft die Tage, Ihre Stiefmutter Eva gammelt lesend auf der Liege rum, ihre kleine Schwester Lisa nervt sie und zu allem Überfluss überfielen sie auch noch zum ersten Mal ihre Tage. Sie will nur schnell ihre Binde im Hotel wechseln und ein paar Minuten alleine sein. Dabei merkt sie nicht, wie die vierjährige Lisa ihr nachläuft. Sie merkt nicht, wie Lisa entführt wird.
Über sechs Jahre später taucht Lisa wieder auf. Ihr geht es gut. Wenn man davon absieht, dass die Menschen, die sie entführt hatten, nicht mehr da sind. Die Menschen, die sie als ihre Eltern kannte. Die gut zu ihr waren. Die mit ihr ihre eigene Tochter ersetzten. Sie wird einmal mehr aus ihren Leben gerissen. Zurück in ihre Familie gespült. In eine Familie, die kaum noch existiert. Durch den Schicksalsschlag zerrüttet, in ihren jeweiligen Schmerz gefangen, muss nicht nur Lisa zurück in die Familie, zurück ins Leben finden.
Es verschlang mich
Ich weiß gar nicht so recht, was dieses Buch mit mir gemacht hat. Es verschlang mich. Wühlte mich auf. Berührte mich tief. Ich fühlte so sehr mit der Familie. Mit allen Beteiligten. Sogar mit den Entführern. Als Mutter fühlte ich mich naturgemäß sehr mit Eva verbunden. Konnte so sehr nachempfinden, wie es ihr gehen muss. Egal wie unrealistisch, unempathisch oder zerstörerisch sie sich verhielt. Konnte mir so sehr vorstellen, dass ich ähnlich handeln und denken würde.
Am meisten fühlte ich aber mit Erzählerin Lea. Mittlerweile 22 Jahre alt, schildert uns die junge Frau das Geschehen. Abwechselnd berichtet sie von den Vorfällen vor sechs Jahren und dem, was nach Lisas Auftauchen geschieht. Sie erzählt von dem, was Lisas Verschwinden folgte. Von überstürzten Verdächtigungen, unendlicher Hoffnung, unerträglichem Schmerz, schmerzhafter Taubheit, Isolation und Resignation.
Die Engländerin Helen Franklin lebt ein bescheidenes Leben in Prag. Mit Ihrem spartanischen Lebensstil in ihrem selbstauferlegten Exil geißelt sie sich für eine Sünde, die sie seit langer Zeit mit sich trägt. Eine unverzeihliche, unaussprechliche Sünde. Als ein Freund Helen Dokumente über eine mythische Figur namens Melmoth übergibt, gerät ihr striktes Büßerleben aus dem Takt. Verfolgt Melmoth die Zeugin sie? Hat sie sie schon immer beobachtet? Kommt sie, sie zu holen?
Kein Schauerroman, keine Horrorgeschichte!
Was hab ich mich auf dieses Buch gefreut. Auf atmosphärischen Nervenkitzel während länger werdender Herbstabende. Schließlich verspricht der Rückentext einen fesselnden, unheimlichen Roman mit mysteriöser Gruselgestalt. Doch Sarah Perrys „Melmoth“ ist kein Schauerroman, keine Horrorgeschichte. Der Roman ist viel eher ein Psychogramm; eine philosophische Aufbereitung der Frage nach Schuld und Sühne; nach den Folgen, die unsere Handlungen haben und den Wert des Lebens. Es ist keine leichte Kost und alles andere als einfach zu lesen.