John Connolly: „Das Buch der verlorenen Dinge“

John Connolly: "Das Buch der verlorenen Dinge"Die Meinungen zu diesem Buch gehen weit auseinander. Die Einen lieben es, die Anderen hassen es. Mich hat es verzaubert. Es hat mich entführt, entsetzt, schockiert, zu Tränen gerührt und zu herzhaftem Lachen gereizt.

„Es war einmal – denn so sollten alle Geschichten beginnen – ein Junge, der seine Mutter verlor.“

Er verliert sie in England, der Zweite Weltkrieg beginnt gerade mit seinen Klauen über Europa zu kratzen. Davids Mutter erliegt der Krankheit, die sie lange quälte. „Die Krankheit, die sie tötete, war hinterhältig und feige, sie fraß sie von innen her auf, verschlang langsam das Licht in ihrem Innern, sodass der Glanz in ihren Augen mit jedem Tag ein wenig matter und ihre Haut ein wenig blasser wurde.“

Der Zwölfjährige vermisst sie wahnsinnig. Doch die Frau, die ihn lehrte Bücher zu lieben, sich in Geschichten fallen zu lassen, ist fort. Wurde ihm genommen. Davids Vater kümmert sich so gut es geht um den Heranwachsenden. Doch als sein Vater erneut heiratet, die neue Frau schwanger wird und der neue Bruder im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, wächst David alles über den Kopf. Auf der Suche nach seiner Mutter flüchtet er in eine andere Welt. Einer Welt voller Geschöpfe, die er – irgendwie – aus Märchen zu kennen scheint. Einer grausamen, zerstörerischen und in sich zusammenfallenden Welt. Der einzige Weg nach Hause führt ihn zum König des Landes. Denn dieser soll ein geheimnisvolles Buch besitzen. Das Buch der verlorenen Dinge. Aber dieser Weg ist gepflastert mit unglaublichen Gefahren…

Meine Kritik

Connollys Worte zogen mich von der ersten Seite an in ihren Bann. Ich kann mich an kein Buch erinnern, bei dem mir schon im ersten Kapitel dicke Tränen die Wangen herabkullerten. Dabei ist der Anfang weder sonderlich überraschend noch besonders gefühlsduselig geschrieben. Ein Junge, dessen Mutter stirbt. Das kennen wir. Das ist nichts Neues. Doch irgendetwas nahm mich gefangen. Rührte mich zutiefst. David gewann meine Sympathie, mein Mitgefühl. Er kam mir nahe.

Die Geschichte ist eine typische coming-of-age-Story – könnte man meinen. Ein tieftrauriger, verletzter, verstörter, trotziger Junge erlebt Abenteuer, begegnet Gefahren, lernt zu vertrauen und Dinge zu hinterfragen, um sich am Ende zu finden und die Wahrheit zu erkennen.

Blutig, bitterböse und brutal

Sein Weg führt ihn durch eine Märchenwelt. Die Märchen wirken vertraut: Rotkäppchen Schneewitchen, Dornröschen, Hänsel und Gretel. Doch es sind nicht die Gutenachtgeschichten, die wir unseren Kindern heutzutage erzählen. Nein, sie sind blutig, bitterböse und brutal. Sehr explizit und oft an der Grenze des guten Geschmacks oder darüber hinaus. So waren Märchen wahrscheinlich, bevor wir sie mit Blümchen bestreuten und in Zuckerwatte packten. Geschichten, die Kinder wirklich davon abhalten, in den Wald zu gehen. Die Angst machen und verstören. Cinderellas little Horrorshop.

Dieser Horrorshop spiegelt auf phantastische Weise die Realität. Das Leben ist nicht fair (um ein anderes großartiges Buch zu zitieren). Das Leben ist oft blutig, bitterböse und brutal. Es gibt Menschen, die Hunger leiden, die gemein sind, die von Krankheiten gefressen werden oder sich gegenseitig umbringen. Es gibt Männer (und Frauen), die Kinder entführen und töten. Es gibt Männer (und Frauen), die schlimmere Dinge mit Kindern tun. Das ist (leider) die Realität. Und David verarbeitet sie auf seine Weise.

Kein Kinderbuch

Dieses Buch ist KEIN Kinderbuch. Allenfalls ein Jugendbuch für Jungs und Mädchen ab zwölf. Kinder vertragen mehr als übervorsichtige Eltern ihnen zutrauen, verstehen viel mehr und haben einen offeneren Blick auf die Welt. Allerdings sind einige Bilder des Buchs wirklich verstörend. Besonders wenn kleine phantasiebegabte Köpfe sie sich farbenprächtig ausmalen. Doch wenn mutige Eltern ihren abenteuerlustigen Kindern dieses Buch vorlesen, bereit sind unangenehme Fragen zu beantworten und aufmerksam beobachten, ob vielleicht die ein oder andere Szene zensiert vorgelesen werden sollte – dann ist es ein lehrreiches Buch für Vorleser und Zuhörer. Trotz der Horrorelemente – die Geschichte atmet Moral. Ohne Zaunpfähle. Dafür mit Herz und Verstand.

Die kleine Schrift, die wenigen Absätze und die Dicke des Buches dürften viele Kinder ohnehin von der Lektüre abhalten.

Jeder halbwegs erfahrene Leser wird schnell erkennen, auf was die Erzählung hinausläuft. Sie ist vorhersehbar. Die Idee ist nicht neu. Wunderbare ähnliche Geschichten erzählen etwa Alice im Wunderland, Pans Labyrinth, Die Reise ins Labyrinth oder Coraline. Das Buch der verlorenen Dinge braucht sich vor diesen Werken nicht zu verstecken.

Fazit

Ein wunderbares Buch. Ein verstörendes Buch. Es brachte mich zum Lachen und zum Weinen und dazu, ungläubig den Kopf zu schütteln. Anderen wird es Alpträume bescheren. Und wieder andere werden sich langweilen, weil sie dem Zauber der Worte nicht erliegen und die Grundidee nichts Neues ist. Wer sich aber darauf einlässt, den erwartet ein phantastisches Lesevergügen.

* Die Leseproben in meiner Inhaltsangabe stammen von Seite neun des Buchs.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

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