Dekonstruiert, unaufgeräumt und chaotisch

David Arnold: Auf und davon
David Arnold: Auf und davon

David Arnold war Musiker, Vorschullehrer und Papa bevor der – in Kentucky lebende – Bartträger seinen hochgelobten Debütroman veröffentlichte. In Auf und davon (Original: Mosquitoland) begleitet der Leser die 16-jährige Mim auf einen abenteuerlichen Roadtrip.

Mims Leben könnte schön sein. Es könnte schön sein, wenn sich ihre Eltern nicht vor wenigen Monaten hätten scheiden lassen. Wenn sie nicht mit ihrem Vater ins furchtbar öde Mosquitoland gezogen wäre. Wenn ihr Vater nicht schon wieder eine neue Ehefrau hätte. Wenn ihre Mutter den Kontakt nicht eingestellt hätte. Wenn ihr Vater sie nicht für psychisch labil halten würde und sie deswegen jeden Tag eine Pille nehmen müsste. Das alles ist etwas viel für den Teenie. Als sie dann auch noch ein Gespräch zwischen ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihrem neuen Schulleiter belauscht und erfährt, dass ihre Mutter krank ist, hält sie nichts mehr auf. Sie steigt in einen Bus und macht sich auf die 1524 Kilometer lange Reise zu ihrer Mutter.

Auf ihrem Weg lernt sie ziemlich skurrile Persönlichkeiten kennen, aber auch kluge, fast schon weise Wegbegleiter. Sie schlittert in sehr gefährliche Situationen und gewinnt wahre Freunde. Dabei gibt es selten Schwarz oder Weiß, komplett Gutes oder Böses. Mim selbst agiert meist nicht gerade schlau, sondern sehr gefühlsgesteuert und impulsiv. So stolpert sie durch mehrere große und kleine Katastrophen ihrem Ziel entgegen.

Sehr persönliche, in Briefform verfasste Tagebucheinträge wechseln sich mit Mims Schilderungen des Geschehens ab. Sie erzählt von all ihren Anomalien: ihrer selbstverursachten Einäugigkeit, ihrem verlegten Kehldeckel, der sie in den unmöglichsten Situationen kotzen lässt, und ihrer extremen Fantasie. Sie wirkt altklug, oft anmaßend und unbedacht. Gleichzeitig kommt sie sehr gebildet daher und geht auch hart mit sich ins Gericht. Sie ist sehr emotional, aber letztendlich hat sie das Herz auf dem rechten Fleck.

An sich mag ich die Geschichte. An sich mag ich die Charaktere. Aber an sich reicht das nicht. Ich wurde nicht warm mit Mim. Sie tat mir leid und in einigen Momenten hätte ich sie einfach gerne in die Arme genommen. Ich konnte ihre Motive nachvollziehen und auch ihr Verhalten, aber ich konnte mich kein Stück mit ihr identifizieren. Außerdem ärgerte ich mich sehr über fast alle Erwachsenen, insbesondere über Mims weichgewaschenen, paranoiden, überhütenden und gleichzeitig desinteressierten Vater.  Vielleicht bin ich zu alt. Vielleicht war mir das psychoanalytische Szenario, in dem irgendwie jeder einen Schatten haben muss, zu amerikanisch. Vielleicht nervte es mich, dass es keine „normalen“ Menschen gab. Vielleicht wurden mir zu viele Baustellen aufgemacht. Von Schizophrenie, dem Umgang mit Behinderten und schwerem Vertrauensverlust über sexuelle Nötigung, Körperverletzung und Untreue bis Selbstmord und Depressionen war alles dabei. Deutlich abgeschlossen wurde aber leider keines dieser Themen.

Vielleicht war mir der Erzählstil auch einfach zu zäh. Denn mitreißend, wie der Rückentext verspricht, empfand ich die 384 Seiten keineswegs. Zwischen einigen spannenden Höhepunkten zieht sich Mims Reise zäh dahin. Der Erzählfluss kommt durch ihre wirr anmutenden geistigen Ergüsse immer wieder ins Stocken. Insgesamt wirkt die Erzählung so dekonstruiert, unaufgeräumt und chaotisch wie die Gedanken eines Heranwachsenden nun mal sind. Insoweit ist das Buch dann doch wieder stimmig.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

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