Carolin Schairer schrieb sich mit „Meeresschwester“ in mein Herz

Carolin Schairer: "Meeresschwester"
Carolin Schairer: „Meeresschwester“

Die Geschichte der „Meeresschwester“ reizte mich sehr. Als dann der 424-Seiten dicke Wälzer vor mir lag, sorgte ich mich doch etwas um mein Zeitmanagement. Schließlich brauchte ich für mein letztes Erwachsenenbuch „Melmoth“ über drei Wochen. Und das war fast 100 Seiten schmaler… Die Sorge hätte ich mir sparen können. Carolin Schairers Familiengeschichte zog mich in ihren Bann. Trotz begrenzter Lesezeit verschlang ich das dicke Buch an wenigen Leseabenden.

Aus dem Leben gerissen

Lea hat sowas von keine Lust auf diesen Urlaub in Kreta. Ihr Vater verschläft die Tage, Ihre Stiefmutter Eva gammelt lesend auf der Liege rum, ihre kleine Schwester Lisa nervt sie und zu allem Überfluss überfielen sie auch noch zum ersten Mal ihre Tage. Sie will nur schnell ihre Binde im Hotel wechseln und ein paar Minuten alleine sein. Dabei merkt sie nicht, wie die vierjährige Lisa ihr nachläuft. Sie merkt nicht, wie Lisa entführt wird.

Über sechs Jahre später taucht Lisa wieder auf. Ihr geht es gut. Wenn man davon absieht, dass die Menschen, die sie entführt hatten, nicht mehr da sind. Die Menschen, die sie als ihre Eltern kannte. Die gut zu ihr waren. Die mit ihr ihre eigene Tochter ersetzten. Sie wird einmal mehr aus ihren Leben gerissen. Zurück in ihre Familie gespült. In eine Familie, die kaum noch existiert. Durch den Schicksalsschlag zerrüttet, in ihren jeweiligen Schmerz gefangen, muss nicht nur Lisa zurück in die Familie, zurück ins Leben finden.

Es verschlang mich

Ich weiß gar nicht so recht, was dieses Buch mit mir gemacht hat. Es verschlang mich. Wühlte mich auf. Berührte mich tief. Ich fühlte so sehr mit der Familie. Mit allen Beteiligten. Sogar mit den Entführern. Als Mutter fühlte ich mich naturgemäß sehr mit Eva verbunden. Konnte so sehr nachempfinden, wie es ihr gehen muss. Egal wie unrealistisch, unempathisch oder zerstörerisch sie sich verhielt. Konnte mir so sehr vorstellen, dass ich ähnlich handeln und denken würde.

Am meisten fühlte ich aber mit Erzählerin Lea. Mittlerweile 22 Jahre alt, schildert uns die junge Frau das Geschehen. Abwechselnd berichtet sie von den Vorfällen vor sechs Jahren und dem, was nach Lisas Auftauchen geschieht. Sie erzählt von dem, was Lisas Verschwinden folgte. Von überstürzten Verdächtigungen, unendlicher Hoffnung, unerträglichem Schmerz, schmerzhafter Taubheit, Isolation und Resignation.

Und sie dokumentiert, wie sich das Leben nach Lisas Rückkehr entwickelt. Dokumentiert Wut, Verzweiflung und Liebe. Wie gerne hätte ich Lea in den Arm genommen. Über alle die Jahre. Immer wieder. Ihr zugesichert, dass sie keine Schuld trägt. Dass sie vollkommen in Ordnung ist. Aber auch ohne meine Umarmung und Zusicherungen: Lea ist stark. So stark. Sie entwickelt sich zu einer beeindruckenden Frau.

Emotional, sensibel, intensiv

Carolin Schairer schrieb sich mit „Meeresschwester“ in mein Herz. Sie nahm mich mit auf eine emotionale, sensibel erzählte, intensive Reise. Machte mich mit traumatisierten, vielschichtigen, liebenswerten und glaubhaften Charakteren bekannt. Und schickte sie (und mich) auf einen anstrengenden, zermürbenden Weg. Aber wie das so mit anstrengenden Wegen ist, am Ende hat man meist viel gelernt und die Sonne scheint auf eine wilde Blumenwiese…

Es war mein erstes Buch der Diplom-Journalistin, welche eher für ihre queeren Liebesromane und Krimis bekannt ist. Ihr neuer Roman fällt da ziemlich raus. Er ist Familiendrama und Entwicklungsgeschichte, Coming-of-Age und Psychogramm. Die Liebe spielt zwar auch ihre Rolle: als Liebe zu Kindern (zu eigenen und andere), zwischen Mann und Frau, zu den Eltern. Doch ist die Liebe hier Teil des gesamten Gefüges. Ein Teil, der alles in Gang bringen, alles am Laufen halten und auch alles zerstören kann.

Ich danke dem Ulrike Helmer Verlag für mein kostenloses Rezensionsexemplar.

Titel: Meeresschwester
Geschrieben von: Carolin Schairer
Format: Paperback, 424 Seiten
Genre: Roman, Drama, Familiengeschichte, Comming of Age, Entwicklungsroman, Psychogramm
Verlag: Ulrike Helmer
Erscheinungstermin: 21. August 2019
ISBN: 978-3-8974-1434-1
Preis: 20 €
„Meeresschwester“ beim Verlag: Zum Buch
Carolin Schairer im Netz: Besuch die Autorin

Das Kleingedruckte zu den weiterführenden Links:
Mit Klick auf den Link öffnet sich ein neues Fenster. Auf die Inhalte und die Umsetzung der Datenschutzrichtlinien dort, habe ich keinen Einfluss.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

2 Gedanken zu „Carolin Schairer schrieb sich mit „Meeresschwester“ in mein Herz“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.