Annet Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer

Annet Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer
Annet Schaap: Emilia und der Junge aus dem Meer

Lämpchen zündet es jeden Abend an. Und sie löscht es jeden Morgen wieder. Das Feuer im Leuchtturm. Doch dann vergisst sie über ihre Träumereien neue Streichhölzer zu besorgen. Schnell noch eilt sie durch das aufziehende Unwetter über die schmale Landzunge zum Krämer im Dorf. Besorgt die unverzichtbaren Schwefelhölzer. Doch auf dem Rückweg tost der Sturm schon über die Küste. Viel zu stark, als dass das kleine Mädchen unversehrt zurück zum Leuchtturm gelangen könnte. Doch…doch, sie schafft es. Nur die Streichhölzer sind verloren! Der Turm bleibt dunkel.

Es kommt wie es kommen muss. Ein Schiff strandet. Ein Schuldiger wird gesucht. In dem trunksüchtigen, einbeinigen Leuchtturmwärter findet sich schnell ein Sündenbock. Er und seine Tochter sollen für den Schaden aufkommen. Er soll dafür arbeiten. Sieben Jahre lang. Er wird im Leuchtturm eingesperrt und muss sich fortan die lange Treppe hoch und runter schleppen. Denn Lämpchen wird ihm weggenommen. Auch sie soll sieben Jahre lang für ihr Versäumnis schuften. Im Schwarzen Haus über dem Meer. Dort, wo ein Monster leben soll…

Dichte Atmosphäre und fesselnder Spannungsaufbau

Die niederländische Illustratorin Annet Schaap schrieb mit Emilia und der Junge aus dem Meer ihren ersten Roman. Das es ein Debüt ist, hätte ich nie gedacht. Wohlgesetzte Wörter (hier auch ein großes Lob an die Übersetzerin!), dichte Atmosphäre, fesselnder Spannungsaufbau und authentische, vielschichtige Charaktere – das alles ließ mich auf eine erfahrene Geschichtenerzählerin schließen.

Vom ersten Moment an liebte ich diese mutige, freundliche, hinter die Dinge blickende Emilia (alias Lämpchen). Dieses starke Mädchen, dessen Mutter viel zu früh starb. Das mit Piraten am Feuer sang. Das ihren Vater so bedingungslos liebt (wie Kinder das nun mal tun), obwohl er ein schweigsamer, depressiver Trunkenbold ist, dem auch schonmal die Hand ausrutscht. Lämpchen könnte verbittert sein. Doch sieht sie das Schöne in allem. Und in jedem.

Emilia und der Junge aus dem Meer ist eine Geschichte von überforderten Vätern und fehlenden Müttern; von Kindern, die ihre Eltern schmerzhaft lieben und ihnen gefallen wollen; von gewagten Entscheidungen und großen Ängsten; vom Anderssein und vom Dazugehören. Die Charaktere sind menschlich und fehlbar, sie sind teilweise grausam, uneinsichtig und gemein. Es gibt durchaus Monster in dem Buch, auch wenn es nicht unbedingt die sind, die als solche dargestellt werden. Doch niemand ist komplett böse! Gerade das macht das Geschehen so nachvollziehbar, so realistisch.

Obwohl es wirklich ein Märchen ist. Es gibt das Meervolk. Es gibt Piraten. Das Unmögliche ist möglich. Mit ihrem fesselnden Kunstmärchen tritt Annet Schaap in die Fußstapfen von Jonathan Swift und Hans Christian Andersen. Doch sie gibt den Fußstapfen ihre eigene Form. Und sie ist gnädiger mit ihren Protagonisten als der Märchen-dichtende Däne es vor fast 200 Jahren war.

Fantastisch? Ja! Aber auch nachvollziehbar und realistisch

Ich verschlang die 400 Seiten. Ich fieberte mit Lämpchen; hasste ihren Vater gleich für sie mit; hätte den Admiral am liebsten geohrfeigt, die Lehrerin angeschnauzt und Martha geküsst. Hätte die Kinder am liebsten umarmt, ganz festgehalten und abends zugedeckt. Immer wieder lief ein Tränchen über meine Wangen. Immer wieder musste ich lächeln. Emilia und der Junge aus dem Meer berührte mich tief. Und Lämpchen wird mich noch eine Weile begleiten.

Ich las eine kostenfreie, digitale Version, welche mir vom Verlag über www.netgalley.de zur Verfügung gestellt wurde.

Titel: Emilia und der Junge aus dem Meer
Autorin: Annet Schaap
Illustratorin: Karin Lindermann
Übersetzerin: Eva Schweikart
Format und Seitenzahl: Gebunden, 400 Seiten
Verlag: Thienemann-Esslinger
Vom Verlag empfohlenes Alter: ab 10 Jahren
Erscheinungstermin: 11.02.2019
Preis: 15 €
ISBN: 978-3-522-18492-2

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