Marie-Sabine Roger: "Der Poet der kleinen Dinge"

Marie-Sabine Roger: „Der Poet der kleinen Dinge“

Marie-Sabine Roger: "Der Poet der kleinen Dinge"
Marie-Sabine Roger: "Der Poet der kleinen Dinge"

Ich gebe zu: Ich kenne nur die Verfilmung von Marie-Sabine Rogers Das Labyrinth der Wörter. Diese verzauberte mich allerdings vollkommen. Melancholisch-glücklich schlenderte ich seinerseits aus meinem Lieblingsprogrammkino. Das neue Büchlein der in Kanada lebenden Französin gehörte damit zu meinem Pflichtprogramm. Und auch Der Poet der kleinen Dinge lies mich mit diesem melancholisch anmutenden Glück zurück.

Vagabund trifft auf Außerirdischen

Alex führt ein Vagabundenleben. Anfang Dreißig, burschikos und ungebunden reist sie durch Städte und Länder, von Job zu Job. Nie lässt die junge Frau jemanden an sich heran, hält freundlich seelischen Abstand zu ihren Mitmenschen.

Eine befristete Stelle auf einer Hühnerfarm führt die Lebenskünstlerin ins gutbürgerliche Heim von Ex-Schönheitskönigin Marlène und ihres unterdrückten Gatten Bertrand. Außerdem gehören zum Haushalt Hund Tobby und Bertrands behinderter Bruder Gérad, den Alex wegen seiner Ähnlichkeit zu einem Außerirdischen Roswell tauft.

Gérad „ist von einer vollkommenen Hässlichkeit. Es gibt nichts an ihm, das nicht missraten, entstellt, erschreckend oder lächerlich wäre. Nichts bis auf seinen Welpenblick, der so sanft ist, dass man es gar nicht beschreiben kann. Nichts bis auf sein schallendes Lachen, voller Leben und Humor.“ (Seite 81)

Als Alex mitbekommt, dass Marlène Pläne schmiedet den ungeliebten missgebildeten Schwager auszusetzen wie einen räudigen Köter, beginnt ihr Herz zu schmelzen. „So viel Liebe, das macht mich fertig: Ich fühle mich verpflichtet, mich um ihn zu kümmern. Das sieht mir überhaupt nicht ähnlich. Mein Herz ist kein Tierheim.“ (Seite 29)

Kleine Leben

Cédric lebt schon immer in diesem verschlafenen Teil der Normandie. Zusammen mit seinem Freund Oliver (alias Zackenbarsch) vertrödelt er die Tage am Kanal. Der Endzwanziger weiß nichts mit sich anzufangen und sinniert am Wasser hockend über Leben, Arbeitslosigkeit und seine verlorene Liebe, während der Zackenbarsch einen Staudamm aus Bierbüchsen baut. „Wenn ich eines Tages meinen Weg finde, wird es mit Sicherheit eine Sackgasse.“ (Seite 47)

Alex, Roswell, Marlène, Cédric und der Zackenbarsch leben ihr Leben. Kleine, normale, unscheinbare Leben. Umstände, soziale Bedingungen, familiäre Beziehungen, und Ängste prägen es. „Aber da ich an Schicksal glaube, sage ich mir, dass es irgendwo einen großen Plan geben muss, hoch über meinem Kopf. Dass es für das alles einen Grund gibt.“ (Seite 22)

Unterschiedliche Perspektiven

Marie-Sabine Roger: "Der Poet der kleinen Dinge"
Marie-Sabine Roger: "Der Poet der kleinen Dinge" - Rückentext

Marie-Sabine Roger verpackt diese schlichte Geschichte in einfache, kurze Sätze, erzählt von ihren Protagonisten Alex und Cédric. Beides desillusionierte junge Menschen, nicht dumm, aber auch nicht hoch gebildet. Anderen Menschen misstrauen sie, dem Leben stehen sie kritisch gegenüber.

Das Geschehen unvermutet aus unterschiedlichen Perspektiven zu entdecken, verwirrte mich Anfangs etwas. Ich blätterte sogar zurück, weil sich das Erzählte widersprach und ich vermutete etwas verpasst oder falsch verstanden zu haben. Eben sagte die Erzählerin doch noch, sie sei weiblich und nun war sie ein junger Mann? Nach und nach gewöhnte ich mich aber an das Stilmittel, genoss es sogar ohne Vorwarnung in die Köpfe zweier unterschiedlicher Menschen zu schauen.

Das Leben ist, wie es ist

Der Poet der kleinen Dinge erzählt liebevoll von einfachen Leuten und ihren Problemen. Und davon, dass es oft nur einen kleinen Schritt, ein kleines Gedankenspiel bedarf, damit die Welt ein wenig bunter und schöner aussieht.

Roger beschönigt jedoch zunächst nichts. Das Leben ist, wie es ist. Behinderte Menschen existieren. Sie sind hässlich und anstrengend. Über Wirtschaftslage und Erwartungen könnte man verzweifeln. Träume werden meist nicht wahr. Wer sich treiben lässt, nur jammert, den Hintern nicht hoch bekommt und alles Grau sieht, dem schenkt das Leben nichts.

Der nüchterne Tonfall der Protagonisten unterstreicht dabei ihr eingefahrenes, abgestumpftes Leben. Durch die klare, trockene, unaufgeregte Sprache wirken selbst krasse und schlimme Erlebnisse irgendwie gewöhnlich. Was sie ja – leider – auch sind. Tagtäglich passieren schlimme Dinge, handeln dumme Menschen gewissenlos. Kleine Dramen gibt es überall.

friedefreudeeierkuchenbunt

Der Originaltitel vivement l’avenir (frei übersetzt: „Hoffentlich ist bald Zukunft“ oder „Wäre doch schon die Zukunft da“) fasst Intention und Inhalt des Buches wesentlich passender zusammen als der recht oberflächliche deutsche Titel.

Alex und Cédric treiben betäubt durch ihr Universum. Benötigen einen aufweckenden Schubs, während sie auf die Zukunft warten. Und den erhalten sie vom schwerbehinderte Gérad. Er beweist den beiden jungen Menschen, wie lebenswert das Leben sein kann. Reißt sie heraus aus ihrer Lethargie. Er, der Bewegungslose, in seinem Körper Gefangene, bringt die Lahmen dazu, sich zu bewegen und aus ihrem Trott auszubrechen.

Die Botschaft strahlt deutlich durch die Buchdeckel. Fast schon zu hell. Das Ende scheint ein wenig zu friedefreudeeierkuchenbunt. Als ich das Buch aus der Hand legte, umhüllte mich dieses anfangs erwähnte melancholisch anmutende Glück. Dieses Gefühl, dass die Welt ein besserer Ort sein könnte, wenn wir es nur wirklich und ernsthaft versuchen würden. Und die pessimistische Gewissheit, dass zu wenige Menschen es wirklich versuchen.

Marie-Sabine Roger blieb sich mit Der Poet der kleinen Dinge treu. Leicht und verständlich philosophiert sie poetisch über nichts Besonderes – über Menschen. Immer wieder streut sie sinnige Aphorismen in den Text, meist besonders herausgestellt zum Ende eines Kapitels. Schlichte Sätze, die so schon oft gedacht wurden, aber von leichter Schönheit sind. Und über die es nachzudenken immer lohnt.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

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