Erotischer Traumstoff

Alessandro Baricco: "Seide"Alessandro Baricco: „Seide“

Seide – ein Stoff, aus dem Menschen schon immer Träume woben. Leicht und luftig. Hoch erotisch umschmeichelt sie wie ein Nichts den Körper. Welch ein Gewebe. Welch ein Buch!

Die Geschichte

Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein Mann namens Baldabiou errichtet im kleinen südfranzösischen Städtchen Lavilledieu Seidenspinnereien und begründet damit den Reichtum des Ortes. Doch Krankheiten befallen immer häufiger die europäischen Seidenlarven. Die Produktion ist gefährdet. Baldabiou hat „eine Idee, allein ihm fehlte der richtige Mann“. Bis er Hervé Joncour entdeckt. Schnell ist der junge Mann als Seidenraupenhändler engagiert, der für gesunde Larven jedes Jahr nach Afrika reist. Bis die Seuche auch die afrikanischen Gelege zerstört. Wieder weiß Bildabiou Rat: Japan! – am anderen Ende der Welt. „Zweihundert Jahre lang hatte das Land vollkommen abgeschnitten vom Rest der Menschheit gelebt, denn es hatte jeglichen Kontakt mit dem Kontinent verweigert und jedem Fremden die Einreise verweigert.“

200 Jahre keine anderen Menschen, 200 Jahre keine eingeschleppten Seidenraupenseuchen. Hervé Joncour soll nun hin, um die Produktion in Lavilledieu zu retten. Also macht er sich auf. Der Weg ist weit und gefährlich, der Handel illegal. Dennoch: Er hat Erfolg. Er lernt Hara Kei kennen. Und Hara Kei’s Geliebte verzaubert ihn. Nichts geschieht. Und alles. Er kehrt immer wieder nach Frankreich und zu seiner Frau Hélène zurück. Zu Hélène mit der wunderschönen Stimme. Mit der schönsten Stimme der Welt.
Das ist die Geschichte, die dieses Buch erzählt.

Eine Geschichte von Sehnsucht, Liebe, Begehren, Träumen, dem Ende der Welt, dem Sinn und Unsinn, der Leichtigkeit und Schwere des Lebens.

Meine Kritik

Seide – das Wort klingt wie ein Glöckchen durch meine Gedanken. Schillernd, schimmernd, Licht durchflutet, wehend. Wahrscheinlich griff ich deswegen diese Woche, an einem heißen, schwülen Junitag, zu diesem Buch. Es stand schon einige Monate in meinem Bücherregal. Ich hatte es im Herbst von einem Flohmarkt gerettet. Für 50 Cent. Unklar ist mir warum. Der Rückentext hatte mich jedenfalls nicht überzeugt. Egal was mich dazu gebracht hat, ich muss der Fügung danken. Denn dieses Buch ist wunderbar. Schillernd, schimmernd, Licht durchflutet, wehend.

Ich habe die 131 Seiten innerhalb von etwa drei Stunden gelesen. So lange habe ich gebraucht, weil ich jedes Wort gedanklich auf meiner Zunge habe schmelzen lassen, nachdem ich jede Formulierung mehrfach genüsslich im Mund hin und her gerollt hatte. Ich hatte das große Verlangen, den Text laut vorzulesen. Was recht unangebracht gewesen wäre, da ich es zu großen Teilen in der Bahn gelesen habe. Aber ich werde es noch vorlesen. Im Urlaub, im Sommer, auf einem Weinberg unter einem Baum liegend. Dann darf mein Mann mir Luft zufächeln und meiner Stimme lauschen, während sie diese Musik im Schatten schwingen lässt.

Alessandro Baricco schrieb dieses Büchlein nicht, er komponierte es. Ja, komponierte. Er webte eine Melodie, die durch seine Geschichte schwebt. In einem Refrain hier und da kristallisiert sich seine Liebe zu den Worten, die wie Noten vom Papier tropfen.
Das, was passiert, die Story, ist nicht das, was an diesem Buch verzaubert. Sie ist klein und fein. Das dazwischen berührt. Nicht das, was die Menschen erleben oder sagen. Eher das was sie tun. Nicht tun. Vielleicht. Sehnsüchte, erfüllte wie unerfüllte, kleine Glücksmomente, kleines Glück. Das Leben, eben.

Das Buch machte mich nicht wirklich traurig. Dennoch zerfloss ich die letzten Seiten in Tränen der Melancholie. In einer Straßenbahn der Linie 12 vom Ebert- bis zum Zülpicher Platz. Und es war mir egal. Ich war glücklich, traurig, betroffen und unglaublich gerührt. Vollkommen berührt.

Die kleinen, kautzigen, tiefgründigen Charaktere machen viel des Charmes aus. Ich fühlte mich mehrfach an die plätschernden Charaktere aus Die Welt der Amelie oder Mathilde erinnert. In wenigen, wohl gesetzten Worten schafft es Baricco eine Handvoll Menschen zu entwerfen, die direkt zu Herzen gehen.

Ich brenne darauf, die anderen Bücher dieses großartigen Autors in die Finger zu bekommen. Doch auch der Übersetzerin und den Lektoren gebührt Respekt. Kein einziges Mal bin ich über holprig übersetzte Stellen, Rechtschreib- oder Logikfehler gestolpert.

Dieses Buch ist Poesie, ein Liebeslied. Leicht und beschwingt, nachdenklich und schicksalsergeben, aber auch entschlossen und herausfordernd.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

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