Epochale Kriminalrealität

"Clockers" von Richard Price
„Clockers“ von Richard Price

Richard Price: „Clockers“

Wenn etwas erfolgreich ist, dann springt der Markt naturgemäß trittbrettfahrend auf den Zug auf und nutzt die Gunst der Stunde. So ploppt derzeit ein Vampirstoryklon nach dem anderen aus den Druckmaschinen und manch eine abgeschlossene Geschichte mausert sich zum Vielteiler.

Langsam erreicht der Hype um die hoch gelobte Fernsehserie „The Wire“ das deutsche Publikum. Richard Price schrieb fünf Folgen der Kultserie, die in Baltimores Drogenmilieu spielt. In Amerika berühmt, gelang ihm mit seinem Roman „Cash“ durch den „The Wire“-Bekanntheitsschub letztes Jahr auch der große Durchbruch in Deutschland. Und da ist er nun, der Zug, auf den man aufspringen muss.

Es war einmal…

Man kramte in den Schubladen und fand das Buch „Clockers“, das der Bertelmann Verlag schon 1992 unter dem Namen „Söhne der Nacht“ auf Deutsch veröffentlichte. Spike Lee verfilmte den Roman Mitte der 1990er mit Harvey Keitel in der Hauptrolle. Für die Drehbuch-Adaption wurde Price zusammen mit Lee 1995 sogar für den Oscar nominiert. „Clockers“ gilt als Grundlage für die TV-Serie „The Wire“.

Nun schreiben wir das Jahr 2011 und kaum jemand erinnert sich an dieses Werk. Fein! So erfreut uns der Fischer Verlag dieses Frühjahr mit einer hübsch gebundenen Ausgabe von Price drittem Roman aus dem Jahre 1992. Für 22,95 Euro bekommen Fans des Autors einen 800seitigen Wälzer mit Schutzumschlag und Lesebändchen, an dem sie ihre helle Freude haben werden. Für Nicht-Fans empfehle ich die Lektüre jedoch nur bedingt.

Aus dem Nähkästchen

Price Geschichten spielen im Drogenmilieu. Plaudern realistisch aus den Nähkästchen von Dealern, Polizisten und Kollateralcharakteren. So auch „Clockers“.

Strike, ein aufstrebender junger Dealer, befehligt eine Crew von Clockers, schwarze Kids, kaum im Teenageralter, die im New Yorker Vorort Dempsey Ampullen mit Drogen verkaufen. Selbst fast noch ein Kind, kämpft Strike mit Gewissenbissen, dem Traum auszusteigen, dem Drang mehr Geld zu scheffeln, den Erwartungen seines Bosses und Unterwelt-Urgesteins Rodney und dem Wunsch nach Anerkennung und Verständnis. Dabei versinkt er immer mehr im Sumpf aus Lügen und Intrigen.

„…Unzen, Ampullen, Bänke, kleine Rattenlöcher von Süßwarenläden, schmierige Lügen, gierige Leute, jeder verarschte jeden – Strike hatte die Schnauze voll davon.“ (Seite 661)

Rocco arbeitet für die Staatsanwaltschaft, genauer, für die Mordkommission. Er hungert nach Aufmerksamkeit, hadert mit Selbstzweifeln und Zukunftsängsten. Nur noch sechs Monate trennen ihn von seiner Pensionierung…was dann? Als der junge Victor Dunham ein Geständnis für einen Mord an einem Dealer gesteht, versteht er die Welt nicht mehr. Mitten im Morast aufgewachsen ist Victor doch ein guter Junge; Vater von zwei Kindern, respektvoll, sauber und gläubig. Besessen davon, Victors Unschuld zu beweisen, riskiert Rocco seine eigene Glaubwürdigkeit.

„Rocco fuhr vorbei, steckte bis über beide Ohren in der Nichtigkeit des Lebens der Leute, der Gegenstände und Gerüche, der stinkenden kleinen Machenschaften und Täuschungen, der Unterwäsche und Silberfolie, des Stoffs und des Alkohols, all der beschissenen kleinen Geheimnisse, der beschissenen kleinen Verstecke, und all das summierte sich zu einem Fleck auf dem Gehsteig, dem einigen Beweis, dass sie je existiert hatten.“ (Seite 260/261)

Umfangreich und langatmig

Strike, Rodney, Rocco und Victor sind die wohl wichtigsten Charaktere dieser umfangreichen Milieustudie. Tatsächlich platzt der Roman aber durch eine enorme Fülle an Figuren und Sub-Storys aus allen Nähten. Die Zahl der vorkommenden Personen und der angeschnittenen Nebenstränge wirkt erschlagend. Viele sind für die Handlung nicht relevant, sollen wahrscheinlich zur Stimmung beitragen, den Backround beleuchten, den Protagonisten Tiefe verschaffen. Leider stiften sie mehr Verwirrung, als das sie zur Atmosphäre beitragen.

Price walzt die Befindlichkeiten der Protagonisten aus, weist immer und immer wieder auf ihre Dämonen hin. Das ist langweilig und bei der x-ten Wiederholung einfach nur ärgerlich. Klar will ich wissen, wie Strike und Rocco gestrickt sind, will erfahren, dass es durchaus Gemeinsamkeiten gibt und das es eine klare Einteilung in „Schwarz“ und „Weiß“ nicht geben kann – aber das geht auch kürzer. Die 800 Seiten sind einfach zuviel. Zu viele Menschen, zu viele Probleme, zu viele Schauplätze, zu viele Hintergründe. Die Hälfte hätte gereicht, ohne dass die Geschichte Intensität und Tiefe eingebüsst hätte.

Porträt des menschlichen Handelns

Kämpft sich der Leser allerdings durch dieses Zuviel, hält er die Längen und unnötigen Wiederholungen aus, dann sitzt er am Ende vor einem interessanten Porträt des menschlichen Handelns, Denkens und Fühlens. Price Blick auf Motivation, Ursache und Wirkung ist erstaunlich. Und fühlt sich deprimierend wahr an. Authentisch.

Räuber und Gendarmen können nicht ohne einander, sind sich ähnlicher als sie denken. Jeder ist verzweifelt und zerfressen von Selbsthass. Niemand ist nur gut oder böse. Alles ist offen und jeder für seinen Weg verantwortlich. Das sind keine neuen Erkenntnisse. Im Kontext des inneramerikanischen Drogenkriegs, in diesem Extrem, aber sehr plastisch und schockierend.

Amerikanische Kriminalrealität

Teilweise wirkt die Lektüre veraltet. Doch als Studie des Drogenmilieus der 1990er ist auch das interessant. Ein Beispiel: Wer denkt heute noch an Pager? Doch Anfang der 90er gab es noch keine Handys. Die kleinen piependen Kommunikationsgeräte waren der letzte Schrei, kein Dealer konnte darauf verzichten. Das wirkt schon fast nostalgisch.

Drogen, Morde, Cops, Dealer, Kleinkriminelle, Süchtige, Rassismus – das ist der Stoff, aus dem Price seinen Milieuschinken webt. „Clockers“ ist ein Buch für Menschen, die epische Werke über die amerikanische Kriminalrealität mögen.

Veröffentlicht von

Simone

Das ist mein Blog. Hier tob ich mich aus. ;) Ich bin eine unverbesserliche Leseratte. Mein Herz schlägt aber auch für Filme und Serien, frische Luft, Basteleien und gutes Essen.

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