Poetische Literatur mit nervigem Protagonisten

Marion Poschmann: Die Kieferninseln
Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilbert Silvester träumt, dass seine Frau ihn betrügt. Zack – fliegt der Bartforscher (im Auftrag von Wissenschaft und Werbung) nach Japan, wo er den Spuren des klassischen Dichters Bashō folgt. Er begibt sich auf eine Pilgerreise zu den sagenumwobenen Kieferninseln. Mehr oder weniger freiwillig begleitet vom Freitod suchenden japanischen Studenten Yosa. Der wiederrum versucht, dem „Complete Manual of Suicide“ zu folgen. So die Geschichte.

Poschmann schrieb mit Die Kieferninseln ein – ohne Frage – literarisch wunderschönes Buch. Poetisch. Wohlformuliert. Melodisch. Die Geschichte ist absurd; Gilbert Silvester ein schrullig-verkopfter Wissenschaftler in seiner Midlifecrisis. Ein sonderlicher Einzelgänger.  Der Geschichte folgte ich gerne. Die Stationen von Yosas Selbstmordbuches machten Spaß. Die wohlgesetzten Wörter genoss ich. Nur leider blieb mit Gilbert fern. Ich fand ihn unerträglich in seinen intellektuellen, pseudophilosophischen Betrachtungen. In seiner arroganten Art. Anfangs fand ich ihn noch irgendwie witzig. Doch mit jedem Satz nervte er mich mehr. Leider schmälerte das doch arg meinen Lesegenus.

Fachjurys waren da weit begeisterter als ich. Die Kieferninseln erhielt den Berliner Literaturpreis 2018 und stand auf der Shortlist des Deutschen Lilteraturpreises 2017.

Dekonstruiert, unaufgeräumt und chaotisch

David Arnold: Auf und davon
David Arnold: Auf und davon

David Arnold war Musiker, Vorschullehrer und Papa bevor der – in Kentucky lebende – Bartträger seinen hochgelobten Debütroman veröffentlichte. In Auf und davon (Original: Mosquitoland) begleitet der Leser die 16-jährige Mim auf einen abenteuerlichen Roadtrip.

Mims Leben könnte schön sein. Es könnte schön sein, wenn sich ihre Eltern nicht vor wenigen Monaten hätten scheiden lassen. Wenn sie nicht mit ihrem Vater ins furchtbar öde Mosquitoland gezogen wäre. Wenn ihr Vater nicht schon wieder eine neue Ehefrau hätte. Wenn ihre Mutter den Kontakt nicht eingestellt hätte. Wenn ihr Vater sie nicht für psychisch labil halten würde und sie deswegen jeden Tag eine Pille nehmen müsste. Das alles ist etwas viel für den Teenie. Als sie dann auch noch ein Gespräch zwischen ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihrem neuen Schulleiter belauscht und erfährt, dass ihre Mutter krank ist, hält sie nichts mehr auf. Sie steigt in einen Bus und macht sich auf die 1524 Kilometer lange Reise zu ihrer Mutter. Dekonstruiert, unaufgeräumt und chaotisch weiterlesen

Feinsinniges, psychologisches Kammerspiel

Dorothy Baker: Zwei Schwestern
Dorothy Baker: Zwei Schwestern

Die Lektüre von “Zwei Schwestern” ist eine berauschende Erfahrung, wenigstens für Leser mit einem Sinn für vollkommende Erzählkunst.

Dieser treffenden Zusammenfassung aus Peter Camerons Nachwort zu Dorothy Bakers Roman schließe ich mich ohne Wenn und Aber an.

Die Geschichte der Zwei Schwestern ist sehr schnell erzählt: Cassandra und Judith sind eineiige Zwillinge, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts recht isoliert mit ihrer exzentrischen Familie auf einer Ranch aufwuchsen. Die temperamentvolle Mutter arbeitete als Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie starb vor wenigen Jahren an Krebs. Der freigeistige Vater lehrte Philosophie an der Universität, bis er sich für einen frühen Ruhestand entschied und seither auf der Farm wichtige, Cognac getränkte Gedanken denkt. Die distinguierte, liebende Großmutter – Mrs. Abbott – rundet das Ensemble zusammen mit Hund und Katze ab. Während ihrer Zeit an der Uni versuchten die Mittzwanzigerinnen sich als Individuen zu definieren. Eigene Wege zu gehen. Judiths Weg führte sie nach New York. Und dort zu einem Mann. Cassandra blieb in Berkeley. Studierte unzufrieden auf ein Lehramt hin und versank in trüben Gedanken. Nun treffen sich die beiden auf der Ranch wieder. Zu Judys Hochzeit. Feinsinniges, psychologisches Kammerspiel weiterlesen

Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging

Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging
Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging

Die Britin Kate Hamer (selbst Mutter zweier Kinder) behandelt in ihrem Debutroman ein sehr heikles, schwieriges, berührendes Thema.

Carmel ist acht Jahre alt als sie ihre Mutter (aus den Augen) verliert. Ein Mann sagt, er wäre ihr Großvater, ihre Mutter sei nach einem Unfall schwer verletzt, sie müsse bei ihm bleiben. Also bleibt das verträumte, phantasiereiche Mädchen bei ihm. Glaubt ihm, dass er ihr Großvater ist, dass ihre Mutter ihren Verletzungen erlegen ist, dass ihr Vater sie nicht haben will. Viele Jahre lang.

Carmels Mutter Beth wurde nicht verletzt. Doch der Verlust ihrer Tochter schmerzt viel stärker als Knochenbrüche schmerzen würden. Nur mühsam gelingt es ihr, weiter zu machen, weiter zu leben. Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging weiterlesen

Tanja Heitmann: Das Haus am Fluss

Tanja Heitmann: Das Haus am Fluss
Tanja Heitmann: Das Haus am Fluss

Ach wie freute ich mich auf meinen kleinen Vorsaisonsurlaub an der Nordsee. Noch mehr freute ich mich, als dann auch noch pünktlich die passende Reiselektüre ins Haus flatterte. Denn Tanja Heitmanns romantische, 576 Seiten umfassende Familiensaga “Das Haus am Fluss” spielt im idyllischen Tiedewall, am Ende der Welt, dort wo sich Elbe und Nordsee küssen. Tanja Heitmann: Das Haus am Fluss weiterlesen

Stephanie Bart: Deutscher Meister

Stephanie Bart: Deutscher Meister
Stephanie Bart: Deutscher Meister

Ich weiß auch nicht, was mich ritt, als ich Stephanie Barts Debütroman Deutscher Meister bestellte. Boxsport kann ich nicht leiden, Berlin interessiert mich nicht die Bohne und bezüglich nationalsozialistischer Thematik fühle ich mich reichlich übersättigt. Trotz allem, irgendetwas an der Beschreibung sprach mich an. Im Nachhinein kann ich das nicht mehr nachvollziehen.

Die Handlung ist schnell erzählt: Mitte 1933 bekommt Publikumsliebling Rukelie Trollmann seine Chance auf den Deutschen Boxtitel. Als Sinti ist er den Verantwortlichen aber eigentlich ein genauso großer Dorn im Auge, wie die vom Sport ausgeschlossenen Juden. Deutscher Meister erzählt auf 384 Seiten von Trollmanns Träumen, vom Werdegang anderer Boxer, von den Ambitionen des ehrgeizigen Vorsitzenden, vom erstarkenden arischen Gedankengut, vom Leben kleiner Leute aus den lebendigen Straßen und Lokalen Berlins. Stephanie Bart: Deutscher Meister weiterlesen

Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

Rowan Coleman: Einfach unvergesslich
Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

Diesmal waren es die Punkte. Die orangefarbenen Punkte auf dem Cover von Einfach unvergesslich verführten mich. Ihnen konnte ich nicht widerstehen. Und so landete der 416-seitige Roman der Britin Rowan Coleman auf meinem Nachttisch. Die Übersetzung des Originaltitels The Memory Book wäre mal wieder passender gewesen, als die unpräzise und weichgespülte deutsche Variante.

Protagonistin Claire bekommt nämlich ein solches Erinnerungsbuch von ihrem Mann geschenkt. Ihre Therapeutin hatte ihr empfohlen ihre Erinnerungen festzuhalten so lange sie kann. Und das wird nicht mehr lange sein. Denn die Anfang 40-Jährige hat Alzheimer. Frühmanifestiert und fortgeschritten. Rowan Coleman: Einfach unvergesslich weiterlesen

Barry Jonsberg: Das Blubbern von Glück

 Barry Jonsberg: Das Blubbern von Glück
Barry Jonsberg: Das Blubbern von Glück

Das Blubbern von Glück – dieser Titel! Er sprang mich einfach an, krallte sich in mein Herz und blubberte da solange vor sich hin, bis ich nicht anders konnte und mir das Buch des australischen Kinderbuchautors Barry Jonsberg bestellte. Dem cbt Verlag gebührt Respekt, denn ausnahmsweise gefällt mir der deutsche Titel deutlich besser als der Originaltitel: My life as an alphabet. Dabei passt der englische Titel perfekt zu dieser fiktiven Autobiografie einer sehr besonderen Zwölfjährigen. Barry Jonsberg: Das Blubbern von Glück weiterlesen

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen
Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Die 1920er-Jahre haben mich schon immer fasziniert. Die Mode, der Zeitgeist, die Auf- und Umbruchsstimmung – ganz egal ob in Europa oder Amerika. So weckte Das Schmetterlingsmädchen der Amerikanerin Laura Moriarty meine Aufmerksamkeit. Der 461-seitige Roman beginnt in den Golden Twenties, als Protagonistin Cora die Anstandsdame für die zukünftige Stummfilmlegende Louise Brooks spielen soll. Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen weiterlesen

Stefan aus dem Siepen: “Das Seil”

Stefan aus dem Siepen: "Das Seil"
Stefan aus dem Siepen: "Das Seil"

“Auf dem Boden lag ein Seil – nichts weiter.” Allein dieser Satz auf dem Rücken des Buches mit dem unprätentiösen und mehr als passenden Titel Das Seil überzeugte mich, es unbedingt lesen zu wollen. Der Klappentext beschreibt Stefan aus dem Siepens 175-seitigen Roman als “glänzend geschriebene Parabel”, die “den Einbruch des Unbegreiflichen und Chaotischen in eine wohlgeordneten Welt” schildert. Stefan aus dem Siepen: “Das Seil” weiterlesen