Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Als “scharfsinnig, schräg und zum Schreien komisch” beschreibt der Verlag Hoffmann und Campe den bei ihm erschienenen Roman Bettler und Hase. Der 1974 in Helsinki geborene Tuomas Kyrö stand mit seiner Gesellschaftssatire wochenlang auf der finnischen Bestsellerliste. Das klang doch alles vielversprechend, weshalb das 317-seitendicke gebundene Buch auch flott in meinem Regal landete.

Alles nur wegen Stollenschuhen

In seinem Heimatland Rumänien gehört Vatanescu zu den Ärmsten der Armen. Er sieht keine Möglichkeit Geld zu verdienen, keine Zukunft für sich und seinen Sohn Miklos und schon mal gar keine Stollenschuhe für den kleinen Mann. Deswegen begibt er sich in die Hände des skrupellosen ukrainischen Schiebers Jegor Kugar. Der verschifft den grundehrlichen, einfachen Mann nach Finnland, wo ihm als professioneller Bettler reichhaltige Einnahmen blühen sollen.

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Nur dumm, dass Vatanescu von seinem Verdienst bloß läppische 25 Prozent behalten darf. Und auch die Quelle der spendenbereiten Finnen sprudelt nicht ganz so ergiebig, wie erhofft. Als das wirtschaftlich agierende kriminelle Unternehmen, als dessen Vertreter Jegor arbeitet, die Zügel strafft und letztendlich Stellen streichen muss, reicht es dem an sich recht zahmen Vatanescu. Spontan überwältigt er den modernen Sklaventreiber, nimmt die Beine in die Hand und macht sich auf eine schräge Reise durch Finnland. Immer in der Hoffnung auf anständige Arbeit, ein wenig Glück und den Stollenschuhen für seinen Sohn.

Während für Jegor Vatanescus Aufstand der Anfang vom Ende seiner Karriere bedeutet, bleibt sich der Bettler stets treu. Mit einem Kaninchen, welches er vor gemeinen Nager-Kopfgeldjägern rettet, begegnet er zahlreichen Gutmenschen, die sich bei näherer Betrachtung als doch nicht ganz so gut entpuppen. Auf seiner Reise trifft der Rumäne aber auch anständige, hilfsbereite Menschen. Wie Hans im Glück kommt er Stück für Stück voran, wenn auch mit Rückfällen. Ganz ohne es zu merken, entwickelt sich Vatanescu durch Youtube und Co. zu einem medialen Phänomen, an dem ganz Finnland Anteil nimmt.

Locker-flockig und mit klarem Blick

Ja, Bettler und Hase kommt scharfsinnig und schräg daher. Zum Schreien komisch fand ich es zwar nicht, dafür schüttelte ich oft zustimmend schmunzelnd den Kopf über menschliche Makel und erschütternde Wahrheiten. Einige Anspielungen verschließen sich mir als Nichtfinnin leider. Doch das empfand ich als vernachlässigbar, da die meisten Seitenhiebe und Beobachtungen auf alle westlichen Wohlstandsgesellschaften anwendbar sein dürften. Überall auf der Welt trifft man auf Beispiele der skurrilen, überzeichneten Charaktere, denen der stoische Antiheld über den Weg läuft. Bei vielen Typen hatte ich konkrete, persönliche Begegnungen im Kopf.

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Tuomas Kyrö: Bettler und Hase

Als allwissender Erzähler führt uns Kyrö mit direkter Sprache und klarem Blick locker flockig durch Vatanescus Abenteuer, lässt uns Passagen aus Jegors Tagebuch lesen und spielt – wohlplatziert – auch amüsant mit seiner erzählerischen Allwissenheit. Allein das Ende erscheint zu süß. Ob dies nun konsequent im Sinne des erzählten Märchens oder inkonsequent gemäß der erzählten Satire ist, darüber kann man bestimmt vortrefflich streiten. Letztendlich bleibt es aber wohl einfach Geschmacks- und Einstellungssache. Mich hat das Hollywood-Ende nicht gestört.

Bettler und Hase scheint auch eine Art Hommage an den großartigen finnischen Autoren Arto Paasilinna zu sein. Nicht nur, dass Kyrö zweimal auf dessen Bestseller Der wunderbare Massenselbstmord anspielt, Paasilinna schrieb auch schon 1975 einen Roman namens Jäniksen vuosi (auf Deutsch: Das Jahr des Hasen). Dort begibt sich der motivationslose finnische Journalist Vatanen mit einem, ihm vors Auto gehoppelten, Hasen auf eine Reise durchs Land der tausend Seen. Diese Parallelen können eigentlich nicht zufällig sein.

Mir bereitete Kyrös Gesellschaftssatire einige sehr erheiternde und erhellende Lesemomente. Hier und da wirkten Anspielungen und Stereotypen zwar etwas plump und einige finnische Gepflogenheiten erschließen sich Mitteleuropäern vielleicht nicht gänzlich, doch schmälerte das meinen Lesevergnügen nicht.

 

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