Stefan aus dem Siepen: Das Seil

Stefan aus dem Siepen: “Das Seil”

Stefan aus dem Siepen: "Das Seil"
Stefan aus dem Siepen: "Das Seil"

“Auf dem Boden lag ein Seil – nichts weiter.” Allein dieser Satz auf dem Rücken des Buches mit dem unprätentiösen und mehr als passenden Titel Das Seil überzeugte mich, es unbedingt lesen zu wollen. Der Klappentext beschreibt Stefan aus dem Siepens 175-seitigen Roman als “glänzend geschriebene Parabel”, die “den Einbruch des Unbegreiflichen und Chaotischen in eine wohlgeordneten Welt” schildert.

Ein Seil – nichts weiter

Bernhardt spaziert an einem lauen Spätsommerabend Pfeife rauchend über die Wiesen am Rand des Tannenwaldes, der das kleine Dorf dicht umschließt, als er es entdeckt. Das Seil. “Ziemlich dick ist es, du würd’st Dich wundern. Bei uns gibt’s niemanden der so ein Seil hat.” Seinen Nachbarn Raimund scheint es “unwirsch zu machen, dass Bernhardt ihm nicht mehr zu sagen habe, ihn wegen einer läppischen und langweiligen Kleinigkeit wie dieser davon abhalte, sich der wichtigen Arbeit des Lädenschließens zu widmen.”

Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Rückentext
Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Rückentext

Doch am nächsten Morgen scharen sich die Bauern schon im Morgengrauen um das – aus dem Wald kommende – Ende des Seils. Es ist lang. Bernhard wagt sich wenige Meter ins Unterholz, doch das andere Ende kommt nicht in Sicht. Auch näher ziehen lässt es sich nicht. “Verdammt noch mal, was soll das Ganze? Das dumme Seil stiehlt mir nur die Zeit – und euch auch!”

Am Abend halten die Männer unter der alten Eiche bierselig Rat ab. Drei Wagemutige beschließen am nächsten Tag die Länge des Seils zu erforschen. Der Rest Dorfes solle sich den Erntevorbereitungen widmen. Der Ausflug der Drei endet nicht wie erhofft. Und nun, da die Männer des Dorfes “zu dem Ergebnis gelangt, dass sie für dies Rätsel nicht die Spur eines Erklärung besaßen…fassten sie den Beschluss, am Morgen alle gemeinsam loszuziehen, …um endlich herauszufinden, was es mit dem Seil auf sich habe.”*

Absolute Einfachheit

Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Klappentext
Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Klappentext

Die Handlung überrumpelt Vielschichtigkeit und doppelte Böden gewohnte Leser geradezu mir ihrer absoluten Einfachheit. Die Kulisse: Ein uriges Dorf in einer mittelalterlich anmutenden Zeit; bevölkert von nur wenigen robust-kernigen Menschen. Die Angst vor Wölfen, die Abhängigkeit vom Schutz der Gemeinschaft und der baldigen Ernte bestimmen den Alltag. Bis in ihr gewohntes Leben etwas Neues, Rätselhaftes, Unerklärliches eindringt. Das mysteriöse Seil, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Anfangs noch belächelt, gewinnt es immer mehr Bedeutung. Drängt wichtige Handlungen und Entscheidungen in den Hintergrund. Bis sich so gut wie alle arbeitsfähigen Männer auf die Suche nach der Erklärung machen. Begleitet vom argwöhnisch beäugten Wanderlehrer Rauk. Ein intelligenter, redenschwingender Fremder mit Klumpfuß.

Adjektivreiche Informationsessenz

Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Autorenporträt
Stefan aus dem Siepen: "Das Seil" - Autorenporträt

Mit adjektivreichen Sätzen mischt Stefan aus dem Siepen eine Art Informationsessenz. Kompakt ohne viele Wörter formieren sich Bilder, tiefe Einblicke ins Dorfleben, ein Gefühl für die Charaktere, deren Ängste und Hoffnungen. Manch Einer dürfte die ungewohnte Fülle an beschreibenden Beiwörtern nur schwer verdauen. Mir war es die reinste Freude. Wer diesem beschreibenden Stil nicht erliegt, wird sich nur schwer einfühlen können. Ich allerdings war bei den Männern im Wald und mit den Frauen im Dorf. War traurig, entsetzt, neugierig, schockiert, obwohl alle Handlungen altbekannt sind, sich in Büchern und Menschheitsgeschichte ständig wiederholen.

Man könnte aus dem Siepen Einfalls- und Belanglosigkeit vorwerfen, wenn – ja wenn – die Menschheit aus ihrer Geschichte lernen würde. Und wenn es nur eine Deutung des Geschehens geben würde. Doch das Buch lädt zur Diskussion ein. So sah ich das Seil als Religion, mein Mann betrachtete es eher als Sinnbild alles Neuen, der Neugier an sich und viele andere erkennen in der Parabel ganz platt nationalsozialistische Ideologien und Geschichte.

Keine Moralkeule

Das Seil schwingt keine Moralkeule, berichtet lediglich. Die Leser müssen selber werten, oder auch nicht. Damit sich die Wirkung der Geschichte entfalten kann, die zumindest mich erfasste, muss man sich auf das Geschehen einlassen. Sich fragen: “Wie würde ich handeln?”, “Warum tun sie das?”, “Sind die Menschen wirklich (noch immer) so?”, “Wie sieht das heute aus? Laufen wir noch immer Seilen hinterher?”. Das Gelesene hallte lange in meinen Gedanken nach. Gerne diskutierte ich mit anderen Lesern über unsere verschiedenen Eindrücke.

Auch wenn sich an diesem Werk die Meinungen spalten: Für mich sprach der Klappentext die Wahrheit, als er Das Seil von Stefan aus dem Siepen als “glänzend geschriebene Parabel” beschrieb.

* Die Zitate stammen von den Seiten 10/11, 17 und 31/32.

2 Gedanken zu „Stefan aus dem Siepen: “Das Seil”“

  1. Bei diesem ungewöhnlichen Buch muss man sich natürlich auf den Gedanken einlassen und tatsächlich kann jeder Leser den Inhalt anders interpretieren. Ein intelligent gemachter Roman, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheinen mag.

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