Neal Shusterman: Vollendet

Neal Shusterman: "Vollendet"

Neal Shusterman: "Vollendet"

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Das bestimmt Artikel 2 Absatz 2 unseres Grundgesetzes. Darüber, wie dies ausgelegt werden soll, streiten besonders Abtreibungsgegner und -befürworter schon lange. Das Jugendbuch Vollendet des Kaliforniers Neal Shusterman widmet sich dieser Thematik in einer sehr anschaulichen und spannenden Art und Weise.

Jugendliche Ersatzteillager

Amerika in einer nicht näher bestimmten, mehr oder weniger nicht allzu fernen Zukunft. Der “Heartland-Krieg”, in dem Abtreibungsgegner und -befürworter das Land in blutiges Chaos stürzten, liegt schon Jahre zurück. Ruhe zog ins Land. Die Charta des Lebens schützt jedes menschliche Leben von der Empfängnis an. Abtreibungen gehören der Vergangenheit an. Keinem Kind darf ein Haar gekrümmt werden. Bis, ja bis es seinen13ten Geburtstag feiert.

Dann dürfen die Erziehungsberechtigten den Teenager “rückwirkend ‘abtreiben’…unter der Bedingung, dass das Leben des Kindes ‚streng genommen’ nicht endet. Der Vorgang, mit dem das Leben eines Kindes abgeschlossen wird, das aber dennoch am Leben bleibt, wird Umwandlung genannt.” (Seite 7) Klartext: Die Kinder dienen nun als Ersatzteillager.

Kein Zurück

Der Staat muss sparen. Die  Gelder für Waisenhäuser sind knapp. So knapp, dass eben jene Kinder, deren Fähigkeiten nicht ausreichen oder nicht gefragt sind, zur Umwandlung ins Ernte-Camp abgeschoben werden. Die fünfzehnjährige Risa spielt wunderbar Klavier. Doch das können viele. So darf sie mit anderen unwillkommenen Waisen in einen Bus mit sehr bekanntem Ziel steigen. Von hier an gibt es kein Zurück mehr.

Einst sagte ein weiser Mann, dass die Pubertät ein schwieriges Wochenende sei. Connor steckt mitten in seinem ganz eigenen, langen Problemwochenende. Leicht reizbar prügelt er sich mit Mitschülern, bekommt schlechte Noten, rebelliert typisch vor sich hin. Ein normaler Sechzehnjähriger im Hormonchaos. Seine Eltern kommen nicht mit ihm zurecht und unterzeichnen überfordert die Umwandlungverfügung. Von hier an gibt es kein Zurück mehr.

Levi genießt die größte Party seines Lebens – seinen dreizehnten Geburtstag, sein Zehnopferfest. Als zehntes Kind der strenggläubigen Familie gilt er als Ausgewählter, als etwas ganz Besonderes. Sein ganzes Leben wurde er auf seine Aufgabe vorbereitet und begierig wartet er darauf, sie zu erfüllen. Nach dem Fest soll er sein Schicksal verwirklichen und dem Wohle der Menschheit dienen. Für Levi gab es nie eine andere Zukunft, nie ein Zurück.

Doch manchmal kommt es anders. Die Wege und Schicksale der ungleichen Drei kreuzen, verwirren und verbinden sich. Aber wohin führen ihre Wege, wenn Zurück keine Option ist? Wie können sie es schaffen, zu überleben bis sie die Volljährigkeit rettet, bis die Polizei sie nicht mehr wie Schwerstverbrecher wegen Körperentziehung jagt? Besonders, wenn nicht jeder von ihnen gerettet werden will?

Gänsehautreiche Stunden

Neal Shusterman bereitete mir so manch gänsehautreiche Stunde. Die von ihm gemalte Zukunft war mir nicht geheuer und beängstigte mich mehr, als so manch ein Horrorfilm. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit einer solchen Zukunft störte mich anfangs ein wenig. Doch schnell tauchte ich in die Geschichte ein und nahm die Welt als gegeben hin. Shusterman erzählt seine Geschichte auktorial in kompakten Kapiteln abwechselnd aus der Sicht eines der drei Protagonisten. So erfahren wir intensiv, wie sich der ungestüme Connor fühlt, welche Verwirrungen in der bedachten Risa vorgehen und in welchem Gefühlschaos der indoktrinierte Levi steckt.

Hintergründig überrascht “Vollendet” mit immer neuen Wendungen. Die Botschaften “Glaube nicht alles, was Du hörst!”, “Denk nach!”, “Mach Dir Deine eigenen Gedanken!” ziehen sich wie ein roter Faden durch das Geschehen. Nie aufdringlich, immer passend. Nebenbei thematisiert Shusterman unvoreingenommen die Auswirkungen des Abtreibungsverbotes, der Organschwemme, der schönen neuen Welt. So animiert er unaufdringlich kritische Gedanken. In alle Richtungen.

Pädagogisch wertvoll

Die Dicke des Buches könnte jugendliche Leser zunächst abschrecken. Die 432 Seiten lesen sich jedoch sehr flüssig. Der Schreibstil kommt locker-leicht und sehr jugendgerecht daher. Im besten, spannendsten, begeistertem Sinne vergebe ich “Vollendet” von Neal Shusterman das Prädikat pädagogisch wertvoll. Wegen einer recht verstörenden, horrorfilmwürdigen Szene gegen Ende des Buches rate ich Jugendlichen ab 14 Jahren zur Lektüre.

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