Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Die 1920er-Jahre haben mich schon immer fasziniert. Die Mode, der Zeitgeist, die Auf- und Umbruchsstimmung – ganz egal ob in Europa oder Amerika. So weckte Das Schmetterlingsmädchen der Amerikanerin Laura Moriarty meine Aufmerksamkeit. Der 461-seitige Roman beginnt in den Golden Twenties, als Protagonistin Cora die Anstandsdame für die zukünftige Stummfilmlegende Louise Brooks spielen soll.

Sehnsüchte

Die 36-jährige Cora lebt als Ehefrau eines angesehen Rechtsanwalts und Mutter von flügge gewordenen Zwillingen im beschaulichen Wichita in Kansas. Als sie hört, dass eine Bekannte eine Dame sucht, die ihre 15-jährige Tochter über den Sommer nach New York begleiten soll, ergreift Cora die Gelegenheit beim Schopfe. Zusammen mit der lebenshungrigen und eigensinnigen Louise reist sie in die Metropole.

Während der Teenie bei der renommierten Denishawn Dance Company trainiert, begibt sich Cora auf die Fährte ihrer Vergangenheit. Denn sie wuchs in einem New Yorker Waisenhaus auf. Hat keine Ahnung, wer ihre Eltern sind. Als Kind wurde sie von den Schwestern des katholischen Hauses mit vielen anderen Kindern in einen Zug gesetzt und in den Osten vermittelt. Im verschlafenen Wichita weiß dies niemand außer ihrem Mann. Die Damen der Gesellschaft würden sich das Maul zerreißen. Trotzdem sehnt sich Cora danach, ihre Wurzeln zu finden.

Stille Wasser sind tief

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Laura Moriarty: Das Schmetterlingsmädchen

Moriarty gelingt es sehr ungezwungen in die 20er-Jahre zu entführen. Auktorial und ruhig erzählt sie aus Coras, nur oberflächlich, perfekten Leben. Stille Wasser sind tief. Elegant streift sie immer wieder Charakter und Entwicklung der eigenwilligen Louise. Doch bleibt die schillernde Figur der Stummfilmikone dezent im Hintergrund. Coras Leben bestimmt den roten Faden. Und dieser Faden ist ganz schön dick. Denn auch wenn es schon vor Coras Reise in die große Stadt Geheimnisse in ihrem Leben gab, bei ihrer Rückkehr hat sie noch mehr im Gepäck.

Gut recherchierte Einblicke

Das Schmetterlingsmädchen bleibt nicht in den frühen Zwanzigern stecken. Zwar liegt der Schwerpunkt in den 1920er- bis 30er-Jahren, doch Moriarty malt vielmehr ein mehrere Jahrzehnte umfassendes Bild, bis in die 80er-Jahre hinein. Gesellschaftliche Konventionen, geschichtliche Wendepunkte, Einblicke in die damalige Gedankenwelt – solide recherchiert lässt sie den Leser Rassismus, Prohibition, Einwanderungsproblematik, Waisenzüge, Börsenkrach, Film- und Theatergeschichte, Homophobie, Sitten- und Moralvorstellungen teilhaben.

Cora entwickelt sich zu einer mutigen, fast schon revolutionär lebenden und liebende Frau, die ihre eigenen Ansichten vertritt. Zwar strotzt ihr Leben nur so vor Geheimnissen, doch macht sie das nicht unglaubwürdig. Es verdeutlicht eher, wie sich die Generationen vor uns verbiegen mussten und wie viele Freiheiten sie für uns erkämpft haben. Cora könnte so manch einem Zeitgenossen eine Lektion in Menschlichkeit und Nächstenliebe erteilen.

Das Schmetterlingsmädchen begeisterte mich. Lange habe ich ein Buch nicht mehr so schnell und intensiv gelesen. Wenn ich einen Makel nennen muss, dann würde ich den nichtssagenden deutschen Titel nennen. Der Originaltitel The Chaperone (Die Anstandsdame) wäre eine passendere Wahl gewesen. Größtenteils dürfte der Roman wohl Frauen ansprechen. Ansonsten empfehle das Buch Liebhabern des Romans Grüne Tomaten und Fans der Goldenen Zwanziger.

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