Joanne Harris: “Blaue Augen”

Joanne Harris: "Blaue Augen"Die wunderbare Joanne Harris, aus deren Feder solch zauberhafte Geschichten wie Chocolat oder Fünf Viertel einer Orange flossen, hat ein neues Buch vollendet. Blaue Augen ist ein intensives, verworrenes, packendes Leseerlebnis, mehr Drama als Thriller. Absolut zu empfehlen.

“Nennt mich B.B. Das machen alle. Niemand außer der Polizei und den Bankangestellten benutzt meinen richtigen Namen. Ich bin zweiundvierzig und eins fünfundsiebzig, habe graubraune Haare, blaue Augen und mein ganzes bisheriges Leben in Malbry verbracht.” (Seite 25)

B.B. betreibt eine Internetseite, auf der die Nutzer die Möglichkeit haben, Blogs zu schreiben, öffentlich, wie privat. Boesebuben.com ist eine Web-Community, wie es viele gibt. Die Mitglieder lesen die öffentlich geposteten Texte der anderen, kommentieren die Beiträge und kommunizieren über private Nachrichten. Die Blogs handeln (wie die URL schon verrät) von bösen Buben, egal welchen Geschlechts.

B.B. schreibt unter seinem Nickname “blauauge” selbst ein Blog auf seiner Seite. Er schreibt – natürlich – über seine bösen Taten. Und die Mitglieder seiner Community laben sich an seinen mehr oder weniger morbiden Geschichten und Geständnissen, regen sich auf oder spekulieren über den Wahrheitsgehalt. Sicher vor den Augen seines Publikums führt er aber auch ein privates Online-Tagebuch. Und durchwühlt hinterrücks und geheim die privaten Einträge seiner User.

Die Einträge enthüllen nach und nach, wer hinter Blauauge steckt. Sie beleuchten eine lang vergessene Vergangenheit, verborgene Familiendramen, miefigen Kleinstadttratsch und wahre Tragödien. All das führt zu einer anderen Bloggerin auf bosebuben.com. Realität und Phantasie scheinen sich in allen geposteten Geschichten zu verweben. Was ist wahr? Was pure Fiktion? Wer ist wer?

“Wir betrachten unser Leben immer als Drehbuch, in dem wir die Helden sind. Aber was ist mit den Statisten? Was ist mit der Zweitbesetzung? Für jede Hauptrolle gibt es eine Menge Überflüssiger, die sich im Hintergrund herumdrücken, die nie im Scheinwerferlicht stehen, nie eine Dialogzeile sprechen, die es bisweilen nicht einmal bis in die letzte Schnittfassung schaffen und ihr Leben als Einzelbilder am Boden des Schneideraums beenden. Wen interessiert es schon, wenn ein Statist ins Gras beißt? Wem gehören diese Lebensgeschichten?” (Seite 401)

Meine Kritik

Der Kniff, den Leser in einen Blog-Beitrag stolpern zu lassen, fand ich sehr gelungen. Ich fühlte mich sofort gefesselt. Schon nach dem ersten “Eintrag” wollte ich mehr. Wollte wissen, wie es weiter geht. Wollte erfahren, wer sich hinter den Usernamen der Kommentatoren versteckt und was sie als nächstes posten. Blauauge, der nach seinen eigenen Angaben mörderische Blogger, hat mich mit seinen kleinen Ticks und Unzulänglichkeiten fasziniert. Mit der Beschreibung seiner Taten. Doch kurz darauf schreibt er, dass er doch kein Mörder ist.

Alles nur erfunden? Alles nur Wunschvorstellung? Schon schnell stellte sich mir die Frage, was denn nun wahr ist, was erfunden, wo Realität und Fiktion zusammenlaufen. Wer ist dieser Betreiber der Internet-Community boesebuben.com wirklich? Was ist überhaupt wirklich? Was kann man glauben in der großen weiten Welt des Netzes? Wer ist die Bloggerin, die sich Albertine nennt? Welche Rolle spielt das kleine blinde Mädchen Emily White und warum werden alle Kommentare von JennyTricks gelöscht?

Doppelter Boden

Es fällt mir schwer den Inhalt zusammenzufassen. Schnell hätte ich zuviel verraten. Die Story hinter den Blog-Einträgen ist verworren, vielschichtig, kommt nur nach und nach zu Tage – wenn überhaupt.

Der Leser erfährt nur das, was der Protagonist und die Userin namens Albertine in ihrem elektronischen Tagebuch festhalten. Lauter Geschichten in einer Geschichte. Immer wieder abgewandelt. Immer ein wenig anders beleuchtet, so dass die Frage nach der Wahrheit immer lauter wird. Die Einträge, die nicht öffentlich sind, vermitteln dem Leser dabei immer wieder das Gefühl, doch zu wissen, was da passiert, passiert ist, passieren wird. Doch das Ganze hat mehr als nur einen doppelten Boden.

Schuld und Schein

Die Themen, die dieses Buch anschneidet, sind grausam. Der Überbegriff Kindesmisshandlung bietet sich an, doch ist er zu oberflächlich, zu abgegriffen. Es geht um Mütter, die zu ehrgeizig, zu fordernd sind, die zu hohe Ansprüche stellen und auf verschiedenste Arten grausam agieren. Es geht um Kontrollsucht, den Drang besonders zu sein, zu gefallen, sich anzupassen. Es geht um Menschen mit Schwächen und um Menschen mit speziellen Begabungen. Und ganz besonders geht es um Schuld und darum, dass so Vieles im Leben nur Schein ist.

Womit wir beim das Buch beherrschenden Medium des Internets wären. Die meisten, die sich im Netz tummeln, meinen, sie wären anonym. Versteckt hinter ihrem flirrenden Bildschirm. Erzählen Dinge, die sie sonst nie erzählen würden. Wahre, Unwahre. Harris spielt wunderbar mit den Mechanismen der Internets. Und ganz im Sinne des schwer einzuschätzenden Mediums ist das Ende offen – zumindest in meinen Augen. Vielleicht ist es das aber auch nicht. Denn: “Nichts ist je zu Ende.”

Spannendes Psychogeflecht

Ich habe die 491 Seiten verschlungen. Habe mich gefragt, was das soll, wo das Ganze hinführt. Hab mich zwischendurch veräppelt gefühlt und auf’s Glatteis geführt. Harris entwirft in diesem Buch ein spannendes Psychogeflecht. Fragt danach, wozu Menschen fähig sind und warum. Das hat mich sehr fasziniert. Die Auflösung, wenn es denn eine ist, macht Sinn. Wenn es keine ist, auch.

Der Verlag sagt, es wäre ein Thriller. Das ist durchaus berechtigt. Wohler fühle ich mich allerdings mit der Einordnung als Drama. Falls Morde geschehen, dann sind sie eigentlich nicht das, was zählt. Die Bedeutung liegt in den Motiven und in dem, was sie auslöste. Im Menschlichen, im Zwischenmenschlichen.

Ein intensives, verworrenes, packendes Leseerlebnis, mehr Drama als Thriller. Absolut zu empfehlen.

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