Feinsinniges, psychologisches Kammerspiel

Dorothy Baker: Zwei Schwestern
Dorothy Baker: Zwei Schwestern

Die Lektüre von “Zwei Schwestern” ist eine berauschende Erfahrung, wenigstens für Leser mit einem Sinn für vollkommende Erzählkunst.

Dieser treffenden Zusammenfassung aus Peter Camerons Nachwort zu Dorothy Bakers Roman schließe ich mich ohne Wenn und Aber an.

Die Geschichte der Zwei Schwestern ist sehr schnell erzählt: Cassandra und Judith sind eineiige Zwillinge, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts recht isoliert mit ihrer exzentrischen Familie auf einer Ranch aufwuchsen. Die temperamentvolle Mutter arbeitete als Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie starb vor wenigen Jahren an Krebs. Der freigeistige Vater lehrte Philosophie an der Universität, bis er sich für einen frühen Ruhestand entschied und seither auf der Farm wichtige, Cognac getränkte Gedanken denkt. Die distinguierte, liebende Großmutter – Mrs. Abbott – rundet das Ensemble zusammen mit Hund und Katze ab. Während ihrer Zeit an der Uni versuchten die Mittzwanzigerinnen sich als Individuen zu definieren. Eigene Wege zu gehen. Judiths Weg führte sie nach New York. Und dort zu einem Mann. Cassandra blieb in Berkeley. Studierte unzufrieden auf ein Lehramt hin und versank in trüben Gedanken. Nun treffen sich die beiden auf der Ranch wieder. Zu Judys Hochzeit.

Der Leser lauscht die meiste Zeit den Gedanken der stolzen Cassandra. Anmaßend, überheblich, eingebildet präsentiert sie ihre Bedenken, Vorbehalte und Pläne. Schauen wir in ein Lexikon, wir könnten ein Foto von ihr neben dem Wort Snob finden. Sie ist jemand, „der sich…den Schein geistiger, kultureller Überlegenheit zu geben sucht und nach gesellschaftlicher Exklusivität strebt.“ (duden.de) Unglaublich stolz auf ihre Herkunft und deren Exklusivität fürchtet sie den Eindringling, der ihr die Schwester rauben will. Ohne welche sie kein Ganzes sein kann. Ohne die sie verloren wäre. Ihr einziger Wunsch: Die Hochzeit verhindern. Die Besonderheit ihrer Verbindung verteidigen.

Judith dagegen möchte sich endlich lösen. Ein normales, konventionelles Leben leben. Aus dem Elfenbeinturm fliehen, den ihre Familie baute. Die Ketten sprengen die ihre Schwester schmiedete. Für den Ritter, der ihr dies ermöglicht, lässt sie bereitwillig alles hinter sich.

Cassandra wirkt ohne Zweifel unsympathisch und überfährt den Leser so, wie sie es mit ihrer Schwester und den meisten anderen Menschen macht. Doch hinter ihrer kühlen, berechnenden, blasierten Art kauert – wie so oft – ein verängstigtes, einsames Mädchen, das nicht weiß wo es hingehört. Das auf dem besten Wege ist, sich zu Tode zu hungern und zu saufen. Dem niemand helfen kann, außer ihr selbst. Ja, ich hatte Mitleid mit ihr. Dennoch hätte ich die Lektüre eines Romans mit einer dermaßen arrogant-egozentrischen Protagonistin wahrscheinlich abgebrochen, wenn Baker ihn nicht so brillant geschrieben hätte (und er nicht weise übersetzt worden wäre). Jeder Ton, jede Wendung, jedes Wortspiel sitzt. Es war mir eine Freude den berauschenden Sätzen zu folgen. Mir die doppelsinnigen Formulierungen auf der Zunge zergehen zu lassen. Die Wortklaubereien zu entwirren. Sprachlich sind die Zwei Schwestern ein Fest. Auch verbirgt sich hinter der augenscheinlich schlichten Handlung ein tiefes Wasser voller seelischer Abgründe und emotionaler Mahlströme. Ein feinsinniges, psychologisches Kammerspiel.

Wer bereit ist zwischen den Zeilen zu lesen, hier und da weiter zu denken, dem zeigt sich Cassandras ganz persönliches Trauerspiel. Wer will, der entdeckt ihre heimliche (damals sehr verbotene) Liebe, ihre Angst, in der sie zu ertrinken droht, ihre gutes, großes Herz.

Das intensiv geschriebene Beziehungsdrama aus dem Jahre 1962 erschien 1965 erstmals auf Deutsch. Nun legte es der dtv in einer frischen, cleveren, sprachgewandten Neuübersetzung von Kathrin Razum neu auf und brachte im September eine anständige gebundene, 280 seitige Version mit Schutzumschlag und Lesebändchen auf den Markt.

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