Eine Geschichte

Ans Licht

Ans Licht

“Schreib!” hat er gesagt. “Setzt Dich auf Deinen Hintern und schreib endlich. Red nicht immer nur davon”, hat er gesagt. “Wage es und verkriech Dich nicht in Deinem goldenen Käfig”, hat er gesagt. Pf, der hat leicht reden.

“Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es”, “Spring ins kalte Wasser”, “Lebe Deinen Traum” – lauter ach so hilfreiche Phrasen. Aber wie soll ich einen Traum leben. Bunte, aufregende, wilde Landschaften verwandeln sich in weiße Raufasertapete und Blümchenbettwäsche, wenn ich aufwache. Die glitzernden nächtlichen Begleiter verblassen, verschwimmen, entschwinden. Träume sind so. Sie bleiben nicht. Sie huschen in den Tag hinaus wie untreue Liebhaber.

Ich wollte schon immer schreiben. Bücher. Romane. Geschichten von Liebe, Hass, Leidenschaft. Märchen voller Phantasiegestalten. Krimis, die jeden hinters Licht führen. Komödien mit spritzigen Heldinnen und Satiren, deren Protagonisten sich ironisch durch das Leben beißen. Und nun sitze ich hier. Starre auf ein weiß-flimmerndes Word-Dokument, das sich nur widerwillig mit Worten füllt. Spüre, wie alle Ideen und Eingebungen, die sich sonst in meinen Gedanken tummeln, mich mit ihrem Eigenleben fast schon quälen, panisch flüchten. Allein gelassen in der Gesellschaft stammelnder Synapsen und garstiger Panikwölkchen hab ich keine Ahnung, womit ich dieses weiße Etwas, das da auf dem Laptop vor mir flirrt, füllen soll. Wie soll ich anfangen? Wo soll ich beginnen? Welche Geschichte will erzählt werden? Welche Charaktere wollen leben? Offensichtlich keine. Alle haben sich verkrümelt.

Dabei habe ich meine Geschichten immer schon gelebt. Als Kind flippte ich zwischen den Realitäten hin und her. Als mutige verstoßene Prinzessin ritt ich auf Einhörnern durch die Wälder meines Landes, immer auf der Flucht vor der bösen Königin und deren Lakaien. Als gestrandete Piratin kämpfte ich mich durch glühende Wüsten. Als Wissenschaftlerin eines weit entfernten Planeten heilte ich die Krankheiten der Menschheit. Für mich waren diese Welten real. Sie waren echt. Schnell war ich dort, und es kostete mich jedes Mal Kraft aus ihnen zurückzukehren.

In dem Jahr als meine Großmutter starb, machte ich mich das letzte Mal auf die Reise. Meine wunderbare, mich verwöhnende, tief religiöse, heilige Oma, die ich über alles liebte. Sie kochte mein Lieblingsessen, gab mir Schokolade, wenn ich schon im Bett lag, hüllte mich in Geborgenheit und Wärme. Nach ihrem Tod trug ich während eines langen, letzten Ausflugs in meine Anderswelt den Glauben an einen lieben Gott und meine Kindheit zu Grabe. Da war ich neun. Klar, kristallklar sehe ich mein letztes Abenteuer noch vor mir. Meine Gefährten, meine Gegner. Vielleicht ist das die Geschichte, die ich zuerst erzählen sollte…

2 Antworten auf Eine Geschichte

  1. Jeannine sagt:

    Und wie geht’s weiter?? Ich finde den Anfang super und hätte gerne mehr gelesen. Vielleicht solltest du wirklich diese Geschichte erzählen. :)

    Und: tolle Seite!

    LG
    Jeannine

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